Kommentar: Moralischer Kollaps

Von Markus Reder

Der britische Premierminister David Camron hat die Unruhen in England mit einem drastischen Zerfall der Werte erklärt und eilig angekündigt, sein Kabinett werde neue Richtlinien ausarbeiten, um dem „allmählichen moralischen Kollaps“ entgegenzuwirken. Nun darf man gespannt sein, mit welchen Maßnahmen die britische Regierung den „moralischen Kollaps“ bekämpfen will. Daran wird man erkennen, wie ernst es Cameron tatsächlich ist und wie weit der Weg von der Diagnose zur Therapie. Bislang zumindest sind die, die eine geistig-moralische Wende versprachen, gescheitert oder haben es gleich bei der Ankündigung belassen. Was zwar nicht hilfreich war für ihr Land, aber nützlich für sie selbst. Gleichwohl: Mit seiner Rede vom „moralischen Kollaps“ hat Cameron einen Begriff in die politische Arena geschleudert, der passender kaum sein könnte. „Moralischer Kollaps“: Das beschreibt nicht nur die gesellschaftspolitische Lage in vielen Ländern Europas ausgesprochen präzise. Moralisch kollabiert sind längst auch viele Politiker. Wie sonst sollte man etwa Christian von Boettichers „Liebes“–Beziehung zu einer 16-Jährigen beschreiben, die am Wochenende zu seinem Rücktritt als Spitzenmann der Nord-CDU geführt hat. Dass von Boetticher unter Tränen davon sprach, es sei Liebe gewesen, eine „Liebe“, die er dann kurze Zeit später der Karriere geopfert hat, muss als besonders schwere Form des moralischen Kollabierens gelten.

Auch diese schwere Form ist kein Einzelfall und kommt quer über alle Parteigrenzen vor. Schlimmer noch: Verschiedentlich wird der moralische Kollaps geradezu zum Programm erhoben. Man muss sich nur ansehen, wie der rot-rote Berliner Senat in Grundschulen schon die Jüngsten zur Beschäftigung mit „sexueller Vielfalt“ drängt (siehe Seite 3). Da ist das moralische Bewusstsein bereits komplett erodiert. Was hilft dagegen? Werteerziehung ist eine Sache der Vorbilder. Leider werden die immer weniger. Nur das gelebte Vorbild kann Politik und Gesellschaft retten. So gesehen ist das Private ungemein politisch.