Würzburg

Kommentar : Mitten unter uns

Was tun mit den rund 2.000 Kämpfern des „Islamischen Staats“, die aus Europa stammen und jetzt zurückgeführt werden sollen?

Umgang mit IS-Rückkehrern
Es fehlen heute nicht nur die Konzepte für die „Nachsorge“ für IS-Rückkehrer und gegen die Radikalisierung in Gefängnissen Im Bild: ein verurteilter IS-Rückkehrer vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf. Foto: Federico Gambarini (dpa)

Wie war es doch angenehm weit weg, als die Kurden noch die gefangenen Kämpfer des „Islamischen Staats“ in Lagern bewachten und versorgten. Man konnte diskret über eine Beteiligung an den Kosten verhandeln, man konnte sich gutmenschlich empören, als einige vor irakische Gerichte gestellt werden sollten – wie gesagt, es war bisher alles weit weg.

Der türkische Despot Erdogan und der strategisch minderbemittelte US-Präsident Trump haben mit dem türkischen Feldzug im Kurdengebiet Nordsyriens das Problem deutlich nähergebracht. Aber die Ratlosigkeit ist groß: Was tun mit den rund 2.000 Kämpfern des „Islamischen Staats“, die aus Europa stammen und jetzt zurückgeführt werden sollen, davon vielleicht mehrere Dutzend auch nach Deutschland?

Internationaler Gerichtshof für Dschihadisten?

Der französische Präsident Macron, bei dem die Diskussion schon länger läuft, will gemeinsam mit Katar einen internationalen Gerichtshof für Dschihadisten schaffen. Da könnte man die Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ provisorisch unterbringen und auch den rechtlichen Standards in Europa Genüge tun. Eine gute Idee.

Bis es soweit ist, herrscht natürlich rechtliches Chaos, aber das war auch bis jetzt schon der Fall. Erst recht, wenn die Justiz nachlässig mit islamischen Radikalen umgeht. So wurstelt momentan jeder Staat vor sich hin. Die deutsche Öffentlichkeit darf sich nichts vormachen: Es fehlen heute nicht nur die Konzepte für die „Nachsorge“ solcher Fälle und gegen die Radikalisierung in Gefängnissen.

Gefahr durch gewaltbereiten Islam wird verdrängt

Es fehlt auch das Personal, um die mittlerweile mehr als 11.000 Salafisten, mithin potenzielle und echte Gefährder, in Deutschland durch Polizei und Geheimdienste zu überwachen. Bis jetzt hat Deutschland nur Glück gehabt. Auch der vereitelte Anschlag des Syrers, der schon Chemikalien für einen Anschlag gekauft hatte und am Dienstag verhaftet werden konnte, geht allein auf das Konto Glück.

Und das ist deswegen ist das wirkliche Risiko: Die politischen Verantwortlichen in Deutschland verdrängen immer noch die Gefährdung durch die gewaltbereite Variante des Islam. Der und seine Vertreter sind aber schon mitten unter uns.

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