Kommentar: Mit oder ohne Nobelpreis

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Zu den Talenten von Papst Franziskus gehört die Fähigkeit, ganz unterschiedliche Menschen zu beeindrucken und zusammenzuführen. Dass er zwischen US-Präsident Obama und Kubas Präsident Raúl Castro vermittelte, und beide dies öffentlich würdigten, beeindruckt in Europa so unterschiedliche Politiker wie Edmund Stoiber und Martin Schulz, die den Papst nun für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Ja, verdient hätte Franziskus den Preis: Für die gelungene Vermittlung zwischen Obama und Castro wie für die beharrlich versuchte Vermittlung zwischen Israelis und Palästinensern, für den erfolgreichen Einsatz gegen eine internationale Militärintervention in Syrien wie für die bisher erfolglosen Friedensappelle in Richtung Syrien und Irak. Nein, der Papst braucht den Friedensnobelpreis nicht, denn seine Stimme wird auch ohne solche Auszeichnungen global gehört: Franziskus ist eine moralische Autorität, die sich mutig zu Wort meldet und weit über die Christenheit hinaus wirkt. Aber ja, sinnvoll wäre die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Papst durchaus: Erstens für alle unter Kriegen, Bürgerkriegen und Terror leidenden Menschen, zu deren Stimme und Anwalt sich Franziskus macht. Zweitens für das Prestige des Nobelpreises, der durch so manche fragwürdige Verleihung längst seine Unschuld verloren hat. Drittens würde eine solche Preisverleihung den Scheinwerfer auf die Friedensarbeit lenken, der sich der Heilige Stuhl seit Jahrzehnten widmet.

Spätestens seit Papst Benedikt XV., der den kriegführenden Mächten des Ersten Weltkriegs ins Gewissen redete, hätte jeder Papst den Friedensnobelpreis verdient gehabt. Die Päpste predigten den Frieden nicht nur, sondern hoben vielfach seine Grundlagen im Menschenbild und in der sozialen Ordnung ans Licht. Die Päpste, die Diplomaten des Heiligen Stuhls und viele Bischöfe vermittelten in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Krisen und Konflikten. Manchmal sichtbar, auf der politischen und diplomatischen Bühne. Viel häufiger aber still und leise, denn wer dem Frieden wirklich dienen will, ist jederzeit gerne bereit, den Applaus dafür anderen zu überlassen.

Stephan Baier. Foto: DT