Kommentar: Libyen: Macron demütigt Rom

Von Guido Horst

Guido Horst
Guido Horst. Foto: DT

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hat Italien registriert, dass der französische Präsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen die beiden großen Rivalen in Libyen, den von den Vereinten Nationen anerkannten Chef der Übergangsregierung, Fajis al-Sarradsch, und den mächtigen General Chalifa Haftar zu einem Spitzentreffen in Paris zusammengebracht hat, wo sie mit Macron Versöhnungsbereitschaft de-monstrierten sowie einen Waffenstillstand und baldige Wahlen vereinbarten. Das – kleine – lachende Auge war Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni, der die gemeinsame Erklärung der beiden Libyer begrüßte. Das – große – weinende Auge war der ganze Rest des Landes, der in dem Pariser Treffen nur einen weiteren Versuch Macrons erkennt, sich außenpolitisch zu profitieren. Eigentlich sei die ehemals italienische Kolonie Libyen italienisches Interessengebiet. Dass Macron den italienischen Regierungschef zu dem kleinen Libyen-Gipfel in Paris nicht hinzugeholt hat, verbuchen die Italiener nun als Demütigung. Dass Italien durchaus die Kompetenz und die Sachkunde hat, in dem nordafrikanischen Chaos-Land als Vermittler aufzutreten, hat soeben erst der italienische Innenminister Marco Minniti bewiesen, als er in Tripolis mit den libyischen Clan- und Stammes-Chefs zusammentraf – eine diplomatische Meisterleistung.

Um die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer in den Griff zu kriegen, kommt dem Land des untergegangenen Muammar al-Gaddafi eine Schlüsselstellung zu. Gaddafi war Gaddafi, aber es gelang dem damaligen Regierungschef Silvio Berlusconi, den schillernden Diktator als halbwegs Verbündeten zu halten. Bis 2011 der französische Präsident Sarkozy mit Unterstützung Obamas und Englands dessen Reich zerbombte und Gaddafi sterben musste wie ein Hund. Seither herrscht Chaos in dem Land – mit den entsprechenden Folgen: Libyen ist ein Sprungbrett für Migranten nach Europa. Dass sich ausgerechnet der französische Präsident jetzt zum Friedensbringer in Libyen aufschwingen will, und das im Alleingang, hat Italien verbittert.

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