Kommentar: Lernen, wo die SPD steht

Von Jürgen Liminski

Auch die Parteien haben ihre Hochämter. Am Wochenende begeht die SPD das für sie wohl wichtigste der vergangenen und kommenden Jahre. Peer Steinbrück wird auf den Schild gehoben und man darf gewiss sein, dass auf dem Parteitag nach seiner Nominierung mindestens so lange geklatscht wird wie nach der Wahl von Angela Merkel zur Parteivorsitzenden der CDU in dieser Woche. Dabei wird damit noch nicht einmal nur geheuchelt. Die Genossen verspüren Aufwind. Der Deutschlandtrend gibt Anlass zur Hoffnung, dass Steinbrück sein Millionärstief überwunden haben könnte. Der Vorsprung der Kanzlerin hat sich verringert, zusammen liegt Rotgrün sogar gleichauf mit Schwarzgelb.

Aber Umfragen sind volatil. Flüchtig und fliegend. Hier schlagen zum Beispiel die Gelder zu Buche, die Merkel und Schäuble den Griechen erneut zugestanden haben, diesmal real und nicht nur als Bürgschaft. Das behagt den Deutschen nicht. Aber Steinbrück hätte es sicher nicht anders gemacht, vielleicht sogar schlimmer. Die SPD trägt in der Eurokrise nicht nur alles mit, sondern ist gegenüber den Forderungen aus Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland geradezu willfährig. Mit einem Kanzler Peer Steinbrück wäre Deutschland schon lange in der Schuldenunion. Man darf gespannt sein, was der Kandidat auf dem Parteitag dazu wortgewaltig zum Besten, besser: zum Schlechten gibt. Oder wird die Wahrheit für die potenziellen bürgerlichen Wähler noch ein bisschen getarnt?

Überhaupt wird man die Worte Steinbrücks nicht für bare Münze nehmen dürfen. Er hat schon so viele Lernkurven genommen, dass man gar nicht mehr weiß, wofür er wirklich steht. Das ist auch sein Problem in der eigenen Partei: Die Glaubwürdigkeit. Sollten seine Umfragewerte nach der Weihnachtspause nicht weiter gestiegen sein, wird die Skepsis vieler Genossen wachsen und der Blick sich wieder nach Düsseldorf richten, zur eigentlichen Hoffnung der Sozialdemokraten: Hannelore Kraft. Deshalb ist der Applaus für sie auf dem Parteitag auch interessant, je länger umso interessanter.