Kommentar: Kampfplatz fremder Ziele

Von Stephan Baier

Der Bürgerkrieg in Syrien ist eine Tragödie. Nicht nur, aber besonders für die Christen des Landes. Mit Schrecken blicken sie auf die Lage ihrer Glaubensbrüder in den Nachbarländern Libanon und Irak. Einst war der Libanon „die Schweiz des Ostens“ mit 60 Prozent Christen und hohem Lebensstandard. Doch dann wurde das Land der Zedern zum Spielplatz welt- und regionalpolitischer Interessen, zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen. Davon hat sich das mitteleuropäisch-arabische Land, das Benedikt XVI. im September besuchen will, auch nach zwei Jahrzehnten nicht erholt. Schon vor 2003 war der Irak eine brutale Diktatur, doch wurden Christen nicht zusätzlich um ihres Glaubens willen verfolgt. Sie teilten die Leiden und Nöte ihrer muslimischen Mitbürger – wie bis heute in Syrien. Seit dem US-Einmarsch 2003 jedoch gelten die irakischen Christen in ihrer Heimat als Verräter und Freiwild. Nun fürchten die Christen in Syrien irakische oder libanesische Zustände, denn im aktuellen Bürgerkrieg kämpfen nicht einfach aufständische Syrer gegen regimetreue Syrer.

Hier findet seit einem Jahr ein Ringen um die Zukunft eines nahöstlichen Schlüsselstaates statt, in dem internationale und regionale Mächte eifrig mitmischen. Wie leicht fiele ein Urteil, ginge es nur um Freiheit oder Tyrannei! Tatsächlich aber geht es darum, wer die Zukunft des Orient prägt: der Iran oder Saudi-Arabien. Beide Modelle – die sunnitische Königsdiktatur und die schiitische Mullahdiktatur – haben mit einer freien Bürgergesellschaft und rechtsstaatlicher Ordnung nichts zu tun. Beide Visionen – die Dominanz des Iran oder Saudi-Arabiens – sind für die Christen Syriens ein Alptraum. Anders als in der iranischen Theokratie oder in den erdölreichen Staaten der arabischen Halbinsel genießen die Christen in Syrien bis heute ein Maß an Religionsfreiheit und Sicherheit, wie es sonst im Orient nur Jordanien kennt. Das liegt nicht nur am säkularen Charakter des Assad-Regimes, sondern auch an einem moderaten, dialogfreudigen Islam. Dass diese islamische Linie den Bürgerkrieg überlebt, ist aber unwahrscheinlich.