Kommentar: Käufliches Geschlecht

Von Sussanne Kummer

Strampler auf der Leine
ARCHIV - ILLUSTRATION - Babystrampler trocknen am 31.05.2012 auf einer Wäscheleine in Leipzig. Blau für Jungen, rosa für Mädchen? Bei manchen Unternehmen ist das Vergangenheit. Vor allem in der Modebranche, aber auch im Spielwaren- oder Technikbereich, setzen einige Hersteller in... Foto: Jan Woitas (dpa-Zentralbild)

Nicht Armut, sondern der steigende Wohlstand hat in Schwellenländern wie Indien und China dazu geführt, dass die gezielte Abtreibung von Mädchen erleichtert wurde: Wer sich pränatale Diagnose via Ultraschall oder genetischer Bluttests leisten kann, hat die Möglichkeit, ein Kind nach Wunschgeschlecht zu bekommen. Das Phänomen „Genderzid“ stellt inzwischen ein internationales Problem dar. Allein in Asien fehlen rund 160 Millionen Mädchen. Jungen sind aus traditionellen Gründen willkommen, Mädchen zu sein stellt einen Makel dar. Sie sind kulturell abgewertet, diskriminiert und bedeuten für Familien häufig die größere finanzielle Belastung, etwa bei der Mitgift. Doch auch Europa hat die „geschlechterselektive Abtreibung“ mittlerweile importiert, wie jüngste Erhebungen in den Balkanstaaten und unter Migranten in Großbritannien zeigen – und das, obwohl hier Gesetze Abtreibung allein aufgrund des Geschlechts verbieten.

Genderzid hat in vielen Ländern die Maskulinisierung der Gesellschaft verschärft. Während einerseits archaische Machomuster kombiniert mit High-Tech zur tödlichen Mischung für Mädchen werden, haben westliche Nationen die vorgeburtliche Geschlechterselektion in einer Softvariante eingeführt: Als All-inclusive-Angebot der Wunschmedizin. In den USA können sich Eltern ihr Kind nach Lieblingsgeschlecht kaufen – das läuft unter harmlosen Begriffen wie „Family-Balancing“. Internetforen unter dem klingenden Namen „Genderdreaming“ bieten IVF und Präimplantationsdiagnostik zwecks Embryonenselektion oder Abtreibung nach Geschlecht an. Mädchen werden dort eher bevorzugt. Bringt eine Frau ein Kind zur Welt, das nicht dem Wunschgeschlecht entspricht, spricht man von „Gender Disappointment“, ein quasi pathologischer Zustand der Frau, dem die Selektion präventiv zuvorkommen sollte. In den USA ist vorgeburtliche Geschlechterselektion legal. Kein Land ist gegen Genderzid immun. Selbst Verbote sind zahnlos, solange kulturelle Abwertungen von Frauen zum Standard gehören, die Abtreibung als Mittel zur Problemlösung gesellschaftsfähig ist – oder Eltern Kundenstatus genießen, wenn es um das Geschlecht ihres Kindes geht. Geschlechterselektion ist aber keine Lappalie, sondern eine Menschenrechtsverletzung.