Kommentar: Kärntner Weihnachtsfrieden

Von Weihnachtsfrieden kann in Österreichs Kirche keine Rede sein. Die ganze Wahrheit muss jetzt ans Licht. Von Stephan Baier

Der Leidensdruck muss enorm gewesen sein. Die Abrechnung des Kärntner Domkapitels mit seinem früheren Bischof Alois Schwarz (Seite 11) lässt erahnen, wie das Klima in Ordinariat und Klerus war. Wie schafft man es, jahrelang als Mitarbeiter oder gar Generalvikar eines Bischofs auszuharren, den man für erpressbar hält und „von den Launen seiner Vertrauten geleitet“, dessen Personalentscheidungen man für falsch und dessen Führungsstil man für verfehlt hält? Staunenswert ist auch, dass der langjährige Generalvikar nun als Diözesanadministrator mit dem „System“ seines früheren Bischofs abrechnet.

Ungewöhnlich ist an den Kärntner Vorgängen vieles. Etwa, dass Nuntiatur und Bischofskonferenz vor einem Jahrzehnt über den Kern der heutigen Vorwürfe informiert waren, dass der Bischof die 2008 öffentlich gewordene Missstimmung aussitzen konnte, dass Gras über die Sache wuchs, dass er heuer zum Nachfolger von Bischof Küng in St. Pölten bestellt wurde. Als habe man aus den Leiden früherer Turbulenzen nicht gelernt, schien manchen auch jetzt eine Aufklärung der Vorwürfe vermeidbar. Zu den moralischen und menschlichen Fragezeichen kommen ökonomische: Meinte irgendwer ernsthaft, das Bischöfliche Mensalgut gehe die katholische wie säkulare Öffentlichkeit gar nichts an? Wer immer der römischen Bischofskongregation riet, dem Diözesanadministrator die Veröffentlichung der wirtschaftlichen Untersuchung hierzu zu verbieten, ist im falschen Jahrhundert unterwegs. Keine Pressekonferenz im beschaulichen Klagenfurt kann so interessant sein wie eine vom Vatikan verbotene.

Von Weihnachtsfrieden kann in Österreichs Kirche keine Rede sein. Der Nuntius hat sich nach einem Wiener Jahrzehnt in den Ruhestand verabschiedet, aber die Causa Kärnten harrt ungeklärt der Aufarbeitung. Noch einmal lässt sie sich nicht aussitzen. Die ganze Wahrheit muss jetzt ans Licht, auch wenn sie schmerzt.