Kommentar: Jeder nach seiner Façon

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Es sind nur zwei Äußerungen, die aber symptomatisch sind: Das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia, schreibt Kardinal Reinhard Marx in einem Beitrag für den italienischen „Osservatore Romano“, stehe für die „Erneuerung einer anspruchsvollen Seelsorge“; gerade bei Sexualität, Partnerschaft und Familie dürfe sich die Kirche nicht damit begnügen, „von oben herab ein Ideal zu predigen“. Es gehe dabei um eine Seelsorge, „die Ernst macht mit der Anforderung, der individuellen Biographie und Lebenssituation tatsächlich konkret gerecht zu werden, die die Menschen mitbringen, wenn sie zu uns kommen“. Allgemeine Normen und Regeln der Kirche seien im konkreten Fall „nicht immer passgenau“, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Kardinal Walter Kasper, ein weiterer Berater von Papst Franziskus, wird ihm da sicher zustimmen, hat dieser doch gerade gegenüber der „Aachener Zeitung“ erklärt, „die Tür“ – für die Zulassung in Einzelfällen der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten – „ist jetzt offen“. Das hat auch Franziskus auf dem Rückflug von Lesbos gesagt. Aber Kardinal Kasper macht eine interessante Ergänzung: „Franziskus schreibt aber nicht vor, wie man sie“ – diese offene Tür – „durchschreiten soll. Er wiederholt nicht frühere, eher negative Aussagen von vorherigen Päpsten darüber, was nicht möglich und nicht erlaubt ist. Da gibt es also Spielraum für die einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen. Die Familiensynode hat ja gezeigt, dass es nicht nur Progressive und Konservative gibt, sondern unterschiedliche Kulturen in der einen Kirche (...) Darauf muss der Papst Rücksicht nehmen. Nicht alle Katholiken denken wie wir Deutsche.“ Mit anderen Worten: In der Sakramentenordnung, und die rührt an die Herzmitte der Kirche, könnte es in Zukunft afrikanische, deutsche oder philippinische Einzelfalllösungen geben, je nach Kultur und Denkungsart der Ortsbischöfe. Die Bischofskonferenz der Philippinen mit ihrem Motto „Kommunion für alle“ hat da schon gezeigt, in welche Richtung die Reise geht.