Kommentar: Japan will keine Schwäche zeigen

Von Alexander Riebel

Selbst die Intellektuellen in Japan sagen, sie hätten jetzt wichtigeres zu tun als zu kritisieren. Man will nichts wissen, man sagt nichts. Dahinter steht eine lange Tradition des Gehorsams. Die Obrigkeit ist unantastbar, die Erklärungen der Offiziellen zur Atomkatastrophe sind zu akzeptieren. In dieses Bild passt auch, dass wesentlich mehr Ältere das Beben und die Flut in der Präfektur Fukushima überlebt haben als die betroffenen Jugendlichen. Denn die sahen sich in der Pflicht, erst die Älteren zu retten, auch wenn sie selbst dabei starben. In Europa wird dieser Wert des Alters nur noch schwer verständlich sein.

Japan hat nicht die kritische Öffentlichkeit entwickelt, die im Augenblick nötig wäre. Streiks, wenn überhaupt, gibt es um vier Uhr morgens, damit der Berufsverkehr nicht gestört wird. Auch eine Anti-Atombewegung hat sich jetzt im Angesicht des Grauens nicht entwickelt. Stattdessen gibt es Vertuschung überall. Der Fernsehsender NHK berichtet noch immer, das Gemüse aus Fukushima sei unbedenklich genießbar. Man versucht, die Bauern und Fischer der Umgebung zu schützen, denn die Landwirtschaft dominiert hier. Allein der Gouverneur von Fukushima ärgert sich öffentlich, aber wohl ohne Wirkung. Heute will sich Premierminister Naoto Kan die Lage vor Ort ansehen. Noch am Donnerstag sagte er: „Unser Wille ist noch stärker geworden.“ Er will nicht sagen, dass es Japan nicht aus eigener Kraft schafft und spielt auf den jetzt immer wieder von Japanern beschworenen Stolz an, mit allen Unglücken fertig zu werden. Darum auch keine Ausweitung der Sicherheitszone, es wäre eine Kapitulation. Stattdessen sagt Kan geheimnisvoll aber unwillig, man müsse jetzt die Weisheit des Westens sammeln, weil alle auf Japan schauen. Fühlt sich das stolze Japan durch Hilfe von außen erniedrigt? Eine Fernsehmoderatorin beschimpfte die Franzosen, weil sie so spät zur Hilfe kommen. Aber wie auch nicht, wenn es in Regierungserklärungen ständig heißt, man habe alles im Griff. Viele Japaner glauben nicht daran, aber es muss noch viel passieren, bis sie es sagen.