Kommentar: Integration braucht Religion

Wer den Islam einen Teil Deutschlands nennt, bewertet nicht, er beschreibt. Ob türkische Dönerbuden, verschleierte Frauen in der Fußgängerzone oder Moscheen: Der Islam ist ein Teil des Landes. Das kann man nicht übersehen. Insofern hat der Satz von Christan Wulff, der Islam sei ein Teil Deutschlands, im Grunde keinen sonderlichen Neuigkeitswert. Er beschreibt lediglich die Realität. In seiner Rede zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung hat der Bundespräsident mit Nachdruck seiner Wertschätzung gegenüber muslimischen Mitbürgern Ausdruck verliehen, aber auch dazu aufgerufen, die hier üblichen Regeln und Werte zu akzeptieren. Beides ist gut und wichtig. Falsch und problematisch wird die Sache aber, wenn Christentum, Judentum und Islam als in ihrer Bedeutung für die deutsche Gesellschaft weitgehend unterschiedslose Teile eines Ganzen verstanden werden. Zwar nannte Wulff Christen- und Judentum „zweifelsfrei“ Bestandteil der deutschen Kultur. Aber der Islam gehöre inzwischen eben auch dazu.

So formuliert, endet die Beschreibung und es beginnt die Bewertung. Wer das so sagt, relativiert die Bedeutung des christlich-jüdischen Erbes für dieses Land, für seine Kultur und sein Wertefundament. Das christlich-jüdische Erbe ist der Wurzelgrund, auf dem wir stehen. Ob diese Wurzeln auch in Zukunft noch ausreichend geistig-geistliche Nährstoffe transportieren, entscheidet maßgeblich über die Humanität der Gesellschaft von morgen. Daran entscheidet sich auch, ob ein Dialog mit dem Islam gelingt oder nicht – und damit letztlich auch die Frage der Integration.

Eine Gesellschaft, die religiös zunehmend unmusikalisch wird – ach was, die religiös geradezu ertaubt –, verliert die Fähigkeit zum ernsthaften Dialog mit gottgläubigen Muslimen in dem Maße, in dem sie ihr eigenes geistig-religiöses Erbe über Bord wirft, relativiert oder anpasst. Klar zu machen, worin die eigene Leitkultur gründet und worin deren Mehrwert – auch für Muslime – besteht, wäre ein entscheidender Beitrag zur Integrationsdebatte. Der steht noch aus.