Kommentar: In der Wahrheit zu leben

Von Stephan Baier

Zwei Todesfälle, zwei Welten: Kann man, darf man Václav Havel und Kim Jong Il überhaupt in einem Atemzug nennen? Für Kim Jong Il werden von der nordkoreanischen Staatsmacht tagelange Trauerfeiern inszeniert und vermutlich wird ihm, wie seinem Vater, der Apparat noch ein paar Statuen errichten. An Václav Havel werden nicht nur viele Tschechen, sondern Menschen in ganz Europa noch in Jahren voll Hochachtung denken. Der Tod ist die Stunde der Lebensbilanz. Bei Prominenten wird diese nicht nur in Gottes gerechter Barmherzigkeit gezogen, sondern auch von den Zeitgenossen auf Erden. Was ist an einem Leben gelungen? Was wird von seinem Wirken bleiben?

Kim Jong Il war der unfähige Erbe eines brutalen Diktators. Er regierte mit Gewalt, verbreitete Angst, isolierte sein Land. Wer die Wirtschaftsdaten des Nordens mit jenen Südkoreas vergleicht, weiß, dass nicht das Volk an seinem Elend Schuld trägt, sondern ein dekadentes kommunistisches Regime, dessen Gesicht Kim Jong Il war. Václav Havel war der Hoffnungsträger einer Nation und ihrer Nachbarn. Ein Literat, der bereit war, ins Gefängnis zu gehen für seinen „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (so einer seiner Buchtitel). Indem er sich von der Diktatur der Lüge nicht verbiegen und nicht brechen ließ, wurde er zur moralischen Autorität in verkommener Zeit. „Ich nehme an, dass Sie mich nicht für dieses Amt vorgeschlagen haben, damit auch ich Sie anlüge“, rief er wenige Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten in der Neujahrsansprache 1990 seinen Landsleuten zu. Er half den vom Kommunismus Unterdrückten, wieder aufrecht zu gehen, gab der „Samtenen Revolution“ in Prag Gesicht und Stimme, ergriff die zur Versöhnung ausgestreckte Hand der heimatvertriebenen Sudetendeutschen, moderierte mit seiner Autorität die friedliche Trennung von Tschechen und Slowaken. Václav Havel hat eine Sternstunde der Geschichte genutzt und so seinem Volk und Europa mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Zukunft gegeben. Kim Jong Il wird schon morgen nur mehr eine düstere Figur aus dunkler Vergangenheit sein.