Kommentar: Gut oder böse?

Von Anna Sophia Hofmeister

Stefan Rehder. Foto: DT

Sorgfältig hat Kiew die Gedenkfeierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Massakers von Babi Jar vorbereitet. Die Schlucht, in der 1941 an nur zwei Tagen fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ermordet worden war, ist heute ein Park. Grünanlagen und Wege wurden neu gestaltet, Gedenkstätten saniert. Staatsmänner reisten an und betraten eine riesige Bühne. Weltweit berichteten die Medien über die damaligen Geschehnisse, als SS-Männer der Einsatzgruppe C, unterstützt von Ordnungspolizisten und der Wehrmacht, innerhalb von 36 Stunden 33 771 jüdische Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge erschossen. Sie registrierten ihre Opfer, zwangen sie, sich zu entkleiden, sich auf die Leichen der anderen zu legen, und töteten sie dann mit Schüssen ins Genick. Teilweise mit Opernmusik aus Lautsprechern, um ihre Schreie und ihr Wimmern zu übertönen. Babi Jar gilt als eines der größten Massaker im Zweiten Weltkrieg. 75 Jahre sind weltgeschichtlich ein Wimpernschlag. „Wir müssen uns daran erinnern, was hier geschah, damit die Fehler der Vergangenheit sich nicht noch einmal wiederholen“, sagte Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew.

Wir müssen uns daran erinnern, auch, damit wir nicht vergessen, wie fragil das ist, was wir heute als Zivilisation erleben. Dass wir verstehen, wozu Menschen in der Lage sein können, wenn die Umstände es ihnen erlauben. Wenn sie selbst es sich erlauben.

Einmal mehr wird deutlich, wie groß die Verantwortung ist, der sich jeder einzelne Mensch jeden Tag aufs Neue zu stellen hat, egal, wo er gerade steht. Die Welt, so wie sie heute vor uns liegt, spiegelt die Summe all der Entscheidungen wider, die auf ihr getroffen wurden. Sie bietet kein schönes Bild. Nur wir selbst können dieses verändern. Und zwar, indem wir uns zunächst richtig entscheiden und dann dafür einstehen. Babi Jar ist allen eine Mahnung: „Richtig entscheiden“ funktioniert nur, wenn es eben nicht um Herkunft, Religionszugehörigkeit oder den sozialen Status von anderen geht. Sondern einzig darum, ob ich selbst in dem Moment gut oder böse handele.

Stefan Rehder. Foto: DT