Kommentar: Gestrige Helden für morgen?

Von Stephan Baier

„Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche“, steht bei Matthäus 9,17. Genau das geschieht derzeit auf dem Balkan, im explosivsten Winkel Europas. Dort, wo die NATO 1999 mehr als 10 000 Kampfeinsätze flog, um den von Milosevic begonnenen Genozid an den Kosovo-Albanern zu stoppen, traut man den Männern von gestern eine Politik für morgen zu. Auf serbischer wie auf kosovarischer Seite fand eine differenzierte Aufarbeitung der Geschichte bis heute – ein Jahrhundert nach dem Ersten Balkankrieg – nicht statt. Auf beiden Seiten dominieren Ressentiments und Ablehnung, die Heroisierung der eigenen Kämpfer und die Dämonisierung der anderen.

In Belgrad haben die neuen Gesichter, Hoffnungsträger des Westens wie Djindjic und Tadic, längst abgewirtschaftet. Präsident Tomislav Nikolic ist ein Ex-Tschetnik-Führer und radikaler Nationalist. Regierungschef Ivica Dacic war Milosevics Sprecher und verkleinerte Kopie. Doch auch im Kosovo greift ein Mann von gestern erneut nach dem Steuerrad: Ramush Haradinaj war im Partisanenkrieg gegen Serbien ein Kommandant der UCK-Freischärler. Ende November wurde er vom Haager Kriegsverbrechertribunal von Vorwürfen des Mordes und der Folter freigesprochen. Nun will er wieder Ministerpräsident des Kosovo werden und den amtierenden Regierungschef Hashim Thaci ins Präsidentenamt abschieben. In Serbien wie im Kosovo kam es zu keinem Aufbau neuer, unbelasteter Eliten.

Aber können die „Helden“ von gestern ihre Länder in eine neue Ära führen? Kann die mythische Verklärung der erlittenen Geschichte aus sich die Bereitschaft zu Frieden und Versöhnung hervorbringen? Können Männer des Kriegs zu Männern des Friedens und des Kompromisses werden? Der im Kosovo als Held verehrte Haradinaj hätte vielleicht die Autorität, seinen Anhängern den Weg nach Europa zu weisen, und er bekennt sich nun zum Kompromiss des Ahtisaari-Plans. Doch die Versuchung, wieder einmal den Widerstand zu formieren, liegt auf der Hand: In Belgrad setzt die Regierung Dacic auf eine Spaltung des Kosovo, was seiner Zerstörung nahe käme.