Kommentar: Gefährlich auf dem Rückzug

Von Oliver Maksan

Der „Islamische Staat“ ist eine giftige Pflanze, die nur im Chaos gedeiht. Das war und ist im Irak nicht anders als in Syrien. Der Anschlag, der Bagdad jetzt heimgesucht und über 200 Todesopfer gefordert hat, zeigt dies. Das Kalkül des IS ist klar: Er will jegliche Stabilisierung des Irak hintertreiben. Das fällt kaum irgendwo so leicht wie in dem religiös und ethnisch gespaltenen Land zwischen den zwei Strömen. Für den IS ist die Schwäche seiner Feinde jetzt zudem entscheidender denn je. Denn in den vergangenen beiden Jahren wurde er zusehends geschwächt. Als Terrorfürst Al Baghdadi vor zwei Jahren die Kanzel der Großen Moschee in Mossul bestieg, war die Organisation auf dem Zenit ihrer Macht. Zwei Jahre später sieht das anders aus.

Das hat mehrere Gründe. Gezielt wurde die Organisation da geschwächt, wo ihre Stärken lagen, die zu dem blitzartigen Aufstieg des Jahres 2014 führten: Kommandostruktur, Kämpfer, Geld. Vor allem durch die von den USA organisierte Anti-IS-Koalition, aber auch durch die in Syrien von den Russen angeführte, gelang es, die Kommandostruktur der Organisation zu schwächen und wichtige Anführer auszuschalten. Zudem kann der IS nicht mehr wie noch vor zwei Jahren auf ein leicht abrufbares Reservoir an ausländischen Kämpfern zurückgreifen. Viele Länder haben die Schlupflöcher für kampfwillige Staatsbürger geschlossen. Dass die Miliz immer wieder zur Abschreckung Exekutionen an Deserteuren durchführen lässt, zeigt, dass es mit der Disziplin in den eigenen Reihen nicht mehr zum Besten steht. Tausende wurden zudem von den Koalitionären getötet. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass in den vergangenen beiden Jahren über 20 000 IS-Kämpfer ausgeschaltet wurden. Gezielt wurden auch Waffendepots und Geldlager ins Visier genommen.

Der IS reagiert auf seine Schwächung mit Terror und verhält sich damit mehr und mehr wie Al Kaida und weniger als ein territorial gebundener Akteur. Für den Rest der Welt aber sind das keine guten Aussichten.