Kommentar: Flüchtlingen Zuflucht bieten

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Wir Europäer sehen mit gemischten Gefühlen zu, wie Syrien im Blut versinkt und seine Nachbarländer von Flüchtlingswellen überflutet werden. Aber wir sehen eben weitgehend nur zu, während die Türkei, der Libanon und Jordanien Millionen Menschen aufgenommen haben und versorgen. Der Krieg um Syrien, der mittlerweile auch das innere Gefüge des Libanon und Jordaniens gefährdet, ist zwar das größte, aber nicht das einzige Flüchtlingsdrama unserer Tage. Weltweit sind mehr als 51 Millionen Menschen auf der Flucht: Sie fliehen vor Krieg, Bürgerkrieg, Terror, alltäglicher Gewalt, Hungersnöten, Willkürherrschaft und Verfolgung. Sie suchen nach dem, was uns in Europa selbstverständlich geworden ist: nach einem Überleben in Sicherheit, Frieden und Freiheit. Die Politiker der Staaten Europas, die der Welt gerne über Menschenrechte predigen, streiten nun darüber, wieviel Migration möglich und wieviel Abschottung nötig ist, um den zarten Wirtschaftsaufschwung der eigenen Länder nicht zu gefährden, Parallelgesellschaften zu vermeiden und den sozialen Frieden zu wahren. Das alles ist verständlich, wird angesichts der Massenmigration unserer Tage jedoch nicht reichen.

Noch vor einem Jahrhundert waren es Millionen Europäer, die aus bitterer Armut in die neue Welt emigrierten. Ein Drittel der Einwohner Irlands wählte einst den Weg der Auswanderung. Polen, Ukrainer, Serben, Kroaten, Griechen und Deutsche emigrierten nach Amerika, um der Armut in Europa zu entrinnen. Sie bildeten in der „neuen Welt“ übrigens vielfach soziale und religiöse Parallelgesellschaften. So etwa die 14 Millionen Italiener, die bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs aus dem verarmten Italien flohen. Ein Blick auf die eigene Armuts- und Migrationsgeschichte könnte den Politikern und den Bürgern Europas die Augen für die Armen und Migranten unserer Tage öffnen: Millionen Menschen sind heute auf der Flucht, weil sie in ihren Heimatländern keine Chance auf ein Leben und Überleben in Sicherheit und Frieden sehen. Diesem globalen Drama muss sich auch Europa stellen: mit einer außenpolitischen Strategie, aber auch humanitär.