Kommentar: Fixiert – auf Gewinne

Von Anna Sophia Hofmeister

Die Zahl richterlich angeordneter Fixierungen in Pflegeeinrichtungen sinkt. Das heißt, weniger Pflegebedürftige werden durch Gurte, Bettgitter oder festgestellte Rollstuhlbremsen daran gehindert, sich frei zu bewegen (DT vom 21. August). Diese Entwicklung ist sehr positiv. Keiner will, dass alte Menschen weggesperrt werden. Doch unter den aktuellen Arbeitsbedingungen bleibt Pflegekräften oft keine andere Wahl: Der durchschnittliche, nur vage bestimmbare Personalschlüssel liegt bundesweit bei 1:2,8. Das heißt, dass eine Pflegekraft in Vollzeit für etwa drei Bewohner zuständig sein sollte. Ihre Aufgaben sind im Schlüssel jedoch nicht festgelegt. Um Geld zu sparen, ist es deswegen mittlerweile üblich, Pflegekräften auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten aufzubürden. Hinzu kommt die immer penibler verlangte Dokumentation von Pflegeleistungen. Die Patienten zeitgleich zu beaufsichtigen ist da so gut wie unmöglich und die Angst, für mögliche Verletzungen in Regress genommen zu werden, groß. Häufig sind es Angehörige, die Fixierungen fordern und mit Klagen im Fall von Verletzungen drohen. Immer mehr Träger verzichten nun scheinbar auf Fixierungen und stellen dies als Qualitätsmerkmal ihrer Einrichtung heraus. Mit der gewonnenen Freiheit steigt allerdings auch der Pflegeaufwand. Glücklich, wer also „alternative Methoden“ findet. Doch kann eine sturzsichere Matratze so menschenunwürdig sein wie ein Bett mit Gittern, wenn der Betroffene nicht ohne Hilfe davon aufstehen kann. Der Augsburger Heimleiter Armin Rieger hat daher Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht: Krankenkassen und Politiker wüssten von den Missständen in Heimen, blickten jedoch systematisch weg. Die bislang aufgebrachten Ressourcen machten eine menschenwürdige Pflege unmöglich, zudem zahle sich schlechte Pflege wirtschaftlich aus. Die Verlierer des unmäßigen Gewinnstrebens in der Pflege sind die, die nicht kündigen können: die Patienten. Sie brauchen mehr Personal und Ressourcen. Daran ändert auch die gefeierte Zahl der zurückgegangenen Fixierungen nichts.