Kommentar: Falsche Gleichung

93 000: So viele Tote hat der syrische Konflikt mittlerweile gefordert, dieses blutige Bündel aus Demokratiebewegung, konfessionellem Bürgerkrieg, islamistischem Putschversuch und geostrategischem Stellvertreterkrieg. Doch noch immer will es nicht gelingen, die explosive Mischung zu entschärfen. Auch die Gewaltigen der G8 haben dies jetzt in Nordirland erwartungsgemäß nicht erreicht. Zu groß sind die Differenzen zwischen Russland einerseits und dem Westen andererseits. Die zugesagte Flüchtlingshilfe – immerhin – lindert das Problem nur. Zwar haben die westlichen Mächte ihre Forderung nach Assads Rücktritt als Vorbedingung für Gespräche in der Abschlusserklärung nicht explizit wiederholt. Faktisch besteht man weiter darauf. Der britische Premier Cameron hat daran keinen Zweifel gelassen.

Die Gleichung: Assad geht und der Friede kommt, wird aber nicht aufgehen. Denn man übersieht dabei, dass es in Syrien anders als etwa in Ägypten, Tunesien oder dem Jemen nicht genügt, das alte Regime zu köpfen, um es zu Fall zu bringen. Kein Mensch hätte sich über zwei Jahre mit Leib und Leben für Mubarak eingesetzt. Die regierungstreuen Truppen in Syrien aber tun dies mit großer Erbitterung. Ganze Volksgruppen hängen am Regime, die in der für ihre Minderheitentoleranz nicht gerade bekannten arabischen Welt um ihre Zukunft fürchten. Hinzu kommt, dass ein Machtvakuum in einem Nach-Assad-Syrien eine echte Gefahr mit regionaler Dimension darstellt. Es ist keineswegs klar, was an die Stelle des bisherigen Systems treten würde. Denn die vom Westen gehätschelte Opposition kann auch nach zwei Jahren nicht auf eigenen Beinen stehen. Sie ist bunt wie ein Regenbogen und reicht von Sozialisten über arabische Nationalisten und Liberale bis hin zu den Muslimbrüdern. Ansonsten ist sie ein impotenter Zusammenschluss, der keinen oder nur begrenzten Einfluss auf die Truppenführer im Feld hat. Die militärische Dominanz ausländischer Islamisten schließlich lässt auch nicht ohne weiteres auf ein besseres Morgen hoffen.