Kommentar: Europa verliert Glaubwürdigkeit

Von Johannes Seibel

Kann in Europa, das sich augenscheinlich weiter in einem Emanzipationsprozess von seiner christlichen Herkunft befindet, einfach nicht sein, was nicht sein darf? Dass nämlich Christen nicht per se Teil eines vermeintlich repressiven, die Aufklärung und Autonomie des Individuums beschneidenden Systems, sprich: Täter, sein müssen, sondern auch Diskriminierte sein können, sprich: Opfer? Darf das nicht mehr in Europa öffentlich ausgesprochen werden, weil damit das Christentum als der Popanz auszufallen droht, den eine emanzipatorische Elite braucht, um in Absetzung davon dem Kontinent endlich ihren agnostischen Stempel aufdrücken zu können?

Diese Fragen stellen sich dem, der beobachtet, wie sich die Außenminister der Europäischen Union (EU) am Montag nicht auf ein gemeinsames Dokument zum Schutz der Religionsfreiheit einigen konnten. Grund war nämlich die Weigerung der EU-Außenbeauftragten Lady Catherine Ashton und anderer gewesen, einen von Italien und Frankreich eingebrachten Textvorschlag für dieses Dokument, der eine explizite Erwähnung der Diskriminierung von Christen in einigen Ländern vorsah, zu akzeptieren – die Christen sollen nicht als eigene Gruppe namentlich erwähnt werden.

Folgerichtig haben der Vatikan und die Europäische Bischofskommission am Mittwoch vor einem eminenten Glaubwürdigkeitsverlust der EU-Institutionen gewarnt. Zumal das Europäische Parlament und der Europarat zuvor schon Ende Januar Resolutionen verabschiedet hatten, in denen mit Blick auf Religionsfreiheit ausdrücklich Gewalt gegen Christen genannt und missbilligt wurde.

Dass hier die innereuropäische Identitätsfindung und ein innereuropäischer Kulturkampf auf dem Rücken diskriminierter, verfolgter und getöteter Menschen in aller Welt, von denen ein Teil eben auch Christen sind, ausgetragen wird, ist schlimm genug. Schlimmer aber ist, dass das gespaltene Reden Europas in Fragen der Menschenrechte den Verächtern dieser Rechte unter den Regierungen der Welt skrupellos in die Hände spielt.