Kommentar: Europa ehrt seinen Mahner

Von Stephan Baier

Johannes Paul II. hat den Friedensnobelpreis nie bekommen, obwohl sich keiner seiner Zeitgenossen häufiger, vehementer, selbstloser, klüger, weit- und umsichtiger für den Frieden eingesetzt hat, als er. Umgekehrt würde die Liste jener Persönlichkeiten, die den Friedensnobelpreis unverdient erhielten, die Länge dieses Kommentars sprengen. Der Karlspreis der Stadt Aachen, die renommierteste Auszeichnung für Verdienste um die Einigung Europas, wurde Johannes Paul II. 2004 in einer „außerordentlichen“ Form zuteil – womit das Karlspreisdirektorium einer bleibenden Blamage entging, und der 1950 gestiftete Preis seiner moralischen Entwertung. All das zeigt, dass Preisverleihungen – selbst bei Preisen so hohen Prestiges – oft mehr über die Ehrenden als über den Geehrten aussagen.

Das gilt ganz sicher für die Entscheidung der Aachener, den Karlspreis 2016 Papst Franziskus zuzusprechen. Nein, die europäische Einigung ist im Wirken von Papst Franziskus keinesfalls so zentral wie bei Johannes Paul II., dessen durchaus politische Wegweisungen für ein humaneres Europa dicke Bände füllen. Verkörperten seine Vorgänger aus Polen und Bayern das Nobelste, Beste und Edelste der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, so ist Franziskus in mehrfacher Hinsicht tatsächlich „vom anderen Ende der Welt“, wie er sich selbst vorstellte. Anders als Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ist er kein Abendländer, sondern ein Papst der Globalisierung. Ist die Karlspreisverleihung an ihn also „peinlich“, wie ein Kommentator meinte? Im Gegenteil, sie sagt etwas über den Zustand Europas und seiner Eliten aus: Geehrt wird ein Mann, der Europa von außen und überaus kritisch betrachtet, der bei seinen beiden Straßburger Reden im November 2014 deutliche Mahnworte an die politische Klasse Europas richtete, der mit seinen Reisen nach Tirana und Sarajevo die satten Wohlstands-Europäer an ihre Bringschuld gegenüber den vergessenen Europäern erinnerte. Das vereinte Europa braucht einen solchen wohlwollenden Mahner – und es spricht für Europas Vitalität, dass es ihm zuhört und ihn ehrt.