Kommentar: Europa, das Friedensprojekt

Von Stephan Baier

Nirgendwo auf der Welt herrscht so viel Europa-Skepsis wie in Europa. Das ist keineswegs selbstverständlich, wie der Vergleich mit Amerika zeigt. In den USA herrscht ein ungebrochenes Selbstbewusstsein, die Welt führen und ihr amerikanische Werte bringen zu müssen, ungeachtet aller Amerika-Skepsis weltweit. Wir Europäer dagegen leiden an chronischen Minderwertigkeitsgefühlen, an den Gebrochenheiten unserer Geschichte und an einem eklatanten Mangel an Zukunftsvertrauen. Da kommt der Friedensnobelpreis gerade recht, die Europäer an ihre größte Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern: Es war die Einigung Europas, die der Versöhnung der Völker unseres Erdteils nach zwei massenmörderischen Weltkriegen Basis, Struktur und Rahmen gegeben hat.

Das vereinte Europa muss seit Jahrzehnten mit dem Missverständnis leben, es gehe dabei vor allem um die Wirtschaft. Tatsächlich ging es von Anfang an um den Frieden: Die Einigungspläne von Coudenhove-Kalergi (1923) und Briand (1930) zielten darauf, einen Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Schumans Montanunion zielte auf eine immer engere Gemeinschaft – um Bruderkriege unter Europäern unmöglich zu machen. Tatsächlich wurde das vereinte Europa zu einer Friedensgemeinschaft – nicht weil es keine Konflikte und Interessensgegensätze mehr gäbe, sondern weil diese nun innerhalb der EU-Strukturen ausgetragen werden, am grünen Tisch statt auf dem Schlachtfeld. Der soziale und wirtschaftliche Aufschwung Europas und die Stabilisierung seiner Rechtsstaaten ruhen auf der Voraussetzung dieser Friedensunion. Kein Wunder, dass jene Völker, die ab 1989 die Ketten des Kommunismus sprengten, in die EU drängten. Nun aber stellen sich neue Herausforderungen: Der Friede in Europa ist längst nicht mehr nur von Entwicklungen in Europa bedroht. Das Zeitalter der Globalisierung gebiert neue Formen von Kriegsgefahr. Der Friedensnobelpreis sollte uns Europäer daran erinnern, dass der Friede in keiner Generation selbstverständlich ist, sondern immer neuer Anstrengungen bedarf.