Kommentar: Erfolg vor Dringlichkeit?

Von Stefan Rehder

In Deutschland regt sich Widerstand gegen die Vergabepraxis von Organen. Auf einer Sitzung des Ethikrats äußerten jetzt gleich mehrere Experten Kritik an der bisherigen Gewichtung der Zuteilungskriterien „Dringlichkeit“ und „Erfolgsaussichten“. Die derzeitige Praxis der Organvergabe berücksichtige – so der fast einhellige Tenor – zu sehr das Kriterium der Dringlichkeit. Angeführt von dem Transplantationsmediziner Stippel forderten die Sachverständigen, künftig das Kriterium der Erfolgsaussichten stärker zu berücksichtigen. Laut Stippel führe die bisherige Priorisierung dazu, dass die durchschnittlichen Überlebensraten nach einer Transplantation „langfristig nicht optimal“ seien. Das hört sich klug an, ist es aber nicht. Schließlich müssen wir – „langfristig“ betrachtet – alle sterben. „Optimal“ verläuft die „durchschnittliche Überlebensrate“ nur dort, wo auch das jenseitige Leben in den Blick gerät. Wer darüber streiten will, ob es „Sinn“ macht, Menschenleben durch die Übertragung eines fremden Organs zu verlängern, sollte zunächst klarstellen, was er unter „Sinn“ versteht. Aus der Perspektive dessen, der zum Weiterleben auf ein fremdes Organ angewiesen ist, kann eine Transplantation nämlich auch dann „Sinn“ machen, wenn sie das eigene Leben nur um wenige Tage verlängert. Aus Sicht von Gesundheitsökonomen mag dies angesichts der Kosten einer Transplantation keinen „Sinn“ mehr machen oder kompletter „Unsinn“ sein.

In Wirklichkeit ist der Streit über die Gewichtung von Zuteilungskriterien also ein Streit darüber, wer künftig definieren darf, was „Sinn“ macht. Darüber täuscht auch die Rede von der „Verteilungsgerechtigkeit“ nicht hinweg. Denn fremde Organe lassen sich schon deshalb nicht ungerecht verteilen, weil es niemanden gibt, der Anrecht auf sie hätte. Vor dem Hintergrund eines immer teurer werdenden Gesundheitswesens muss die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit ganz anders formuliert werden. Sie lautet dann: Soll das Gesundheitssystem künftig überhaupt Leistungen finanzieren, auf die es keinen Anspruch geben kann?