Kommentar: Die Macht der Hacker

Von Stefan Meetschen

Stefan Meetschen. Foto: DT
Stefan Meetschen. Foto: DT

„Dissidenten sind großartig“, hat der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen („Unschuld“, „Die Korrekturen“) einmal in einem Interview gesagt, „aber es braucht einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man muss schon ziemlich viel von sich halten.“ Wie groß der Narzissmus von Julian Assange ist, dem Mann, der die Welt seit zehn Jahren mit seiner Enthüllungs-Plattform „Wikileaks“ in Atem hält, kann er wohl selbst am besten beurteilen. Was sich sicher sagen lässt: Der 45-Jährige, der sich seit vier Jahren in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhält, um einer Auslieferung nach Schweden oder in die Vereinigten Staaten zu entgehen, weiß, wie man die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich lenkt.

In dieser Woche, so hieß es, würde Assange passend zum zehnjährigen Wikileaks-Geburtstag bei einer Live-Videoschaltung nach Berlin neues, brisantes Material über die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ans Licht bringen. Die Übertragung fand statt, doch neues Enthüllungsmaterial hatte der australische Grauschopf nicht zu bieten. Vorläufig nicht. In den nächsten Wochen, so Assange, wolle man aber sukzessive neues Material publizieren. Manches davon betreffe auch den US-Wahlkampf. Die Informationen würden von drei internationalen Organisationen stammen. „Sie müssen verstehen, dass wenn wir etwas mit Bezug zu den Vereinigten Staaten veröffentlichen wollen, wir das nicht um drei Uhr nachts machen würden.“ Was meint: Die globalen Uhren ticken im US-Takt, nicht nach europäischer Zeitangabe. Und: Was Wikileaks publiziert, betrifft die ganze Welt, entscheidet womöglich darüber, wer das immer noch mächtigste Land der Welt zukünftig regiert.

Man mag solche Aussagen als narzistisch oder gigantoman abtun, doch wenn man betrachtet, was Assange in den vergangenen Jahren alles transparent gemacht hat, lässt sich die Macht der Hacker kaum leugnen. Ob die Wikileaks-Macht aber zu echter Freiheit führt? Eine Welt ohne das Recht auf Geheimnisse ähnelt erschreckend einer totalitären Welt.