Kommentar: Die Engel von London

Von Stefan Meetschen

Es sollte an diesem Wochenende nur um Fußball gehen, das UEFA Champions League Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Doch der schockierende Mord an einem britischen Soldaten im Londoner Stadtteil Woolwich hat die Freude über das Sportereignis an den Rand gedrückt. Acht Jahre seit den Anschlägen der Selbstmordbomber auf die Londoner U-Bahn und nach etlichen vereitelten Anschlägen ist die Angst vor islamistischem Terror in die britische Hauptstadt zurückgekehrt.

Die heimischen Medien berichten intensiv von der Attacke, die sich an hellichtem Tag auf offener Straße ereignet hat. Wobei die Einordnung von Gut und Böse nicht schwerfällt. Dort zwei Extremisten, sogenannte Selbststarter, welche sich (wahrscheinlich mit zwei Beihelfern, die bereits festgenommen wurden) über das Internet radikalisiert haben und gegenüber Passanten deutlich ihre Motive erklärten: Rache für ermordete Muslime in Afghanistan („Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Hier die britische Zivilgesellschaft, die nicht nur durch die öffentlichen Erklärungen von Premier David Cameron repräsentiert wird („Wir hatten schon früher solche Attacken in unserem Land, und wir knicken nicht vor ihnen ein“), sondern auch durch die drei Frauen, die „Engel von Woolwich“ (Daily Mail), welche den Tätern mit entwaffnendem Mut begegnet sind. Ingrid Loyau-Kennett, Leiterin eines Pfadfindervereins, sowie Amanda Donnelly und ihre Tochter Gemini. Während Loyau-Kennett mit einem der beiden Täter sprach und ihm erklärte, wie sinnlos die Tat sei, kümmerten sich Mutter und Tochter Donnelly um das Opfer. Sie bestanden darauf, für den ermordeten Soldaten, der eine Frau und einen zweijährigen Sohn, hinterlässt, zu beten. Das ist bemerkenswert. Es zeigt, dass für viele Bürger des Westens auch die religiöse Dimension nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Beim Kampf gegen den Terrorismus bietet diese Haltung eine Brücke zu den vielen Muslimen, die friedlich in Großbritannien leben und den Koran anders interpretieren als die fanatischen Täter.