Kommentar: Deutschland schafft sich ab

Von Stefan Rehder

Dass ausgerechnet eines der reichsten Länder der Welt die wenigsten Geburten in ganz Europa zu verzeichnen hat, wäre eigentlich aller Rede wert. Mit nur noch 8,3 Geburten auf 1 000 Einwohner bildet Deutschland das Schlusslicht in der vom Amt für Statistik der Europäischen Union erhobenen Geburtenstatistik. Selbst in Rumänien erblicken mehr Kinder das Licht der Welt als in der Heimat des Exportweltmeisters. Angesichts des demografischen Wandels sowie des bereits auf vielen Feldern spürbaren Mangels an qualifizierten Arbeitskräften müssten derartige Zahlen eigentlich eine bundesweite Debatte auslösen. Dass sie es nicht tun, verrät eine ganze Menge.

Dazu gehört unter anderem die Einsicht, dass die Ego-Gesellschaft, in der wir leben, nicht mehr prinzipiell in Frage gestellt wird und daher als grundsätzlich akzeptiert gelten muss. Dass Familie nicht bloß ein Weg ist, auf dem Menschen ihr persönliches Glück finden, sondern – weil dort die Unternehmer, Arbeitnehmer und Steuerzahler von morgen auf- und erzogen werden – auch ein Faktor von gesamtgesellschaftlichem Interesse sind, muss einer Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist, zwangsläufig aus dem Blick geraten. In Ländern, in denen Kinder nicht zum Familieneinkommen beitragen müssen, verrät ein derart massiver Kindermangel aber auch ein hohes Maß an Zukunftsangst. Beides, der gesellschaftlich akzeptierte Egoismus ebenso wie die Angst der Deutschen vor der Zukunft, sind dazu angetan, jede gesamtgesellschaftliche Debatte über die Ursachen der Kinderlosigkeit im Keim zu ersticken. Erschwerend kommt hinzu, dass, wer offen und ehrlich über Ursachen der Kinderlosigkeit in Deutschland debattieren wollte, auch über die Abtreibung diskutieren müsste. Doch das scheint in Deutschland, wie die Debatte über die Präimplantationsdiagnostik gezeigt hat, immer noch nicht möglich zu sein. Dabei stehen den 677 900 Kindern, die im vergangenen Jahr in Deutschland geboren wurden, 110 431 gemeldete Abtreibungen gegenüber. Fazit: Deutschland schafft sich ab. Still und leise.