Kommentar: Der Knüppel des guten Hirten

Selbst die „New York Times“ hat es endlich begriffen: Dass nämlich die vatikanische Glaubenskongregation erst seit 2001 für die sexuellen Vergehen an Minderjährigen durch Kleriker zuständig ist und nicht für die Handhabung von Fällen verantwortlich gemacht werden kann, die vorher geschehen sind. Noch einmal ist das Thema „Vatikan und Missbrauch“ durch alle Medien gegangen. Rom hat, wie seit längerem erwartet, die überarbeiteten Normen für die Behandlung von schwerwiegenden Vergehen veröffentlicht und eher kleinlaut haben die Zeitungen berichtet. Der Vatikan verschärft die Bestimmungen zu sexuellen Vergehen von Priestern – und öffnet die Kirchengerichte für Laien –, das ist kein Stoff für reißerische Aufmacher, die noch vor Wochen die mediale Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der Kirche gekennzeichnet hatten. Allenfalls die Nachricht, dass nun auch die Priesterweihe von Frauen zu den „schwerwiegenden Vergehen“ zählt, die der Glaubenskongregation zu melden sind, hat einige kirchenfeindliche Medien – darunter natürlich die „New York Times“ – nochmals aufschäumen lassen. Ansonsten ging der jüngste Akt in Rom zum Thema „Missbrauch“ relativ ruhig über die Medienbühne. Und dennoch bleibt festzuhalten, dass die durch die Missbrauchsfälle schwer erschütterte Kirche etwas getan hat – und dass die berühmte „Knüppel-Predigt“, die Benedikt XVI. Mitte Juni zum Abschluss des Priesterjahrs gehalten hat, eben keine (rhetorische) Eintagsfliege war. Vom Stab des Hirten sprach damals der Papst, der in der Gefahr auch zum Stock werden müsse, um zum einen den Glauben gegen Verfälscher oder Verführer zu schützen und zum anderen jedes für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten zu ahnden und zu beenden. Wieder erweist es sich als segensreich, dass die katholische Kirche eine „Zentrale“ in Rom und einen obersten Hirten hat, der vor den Sünden und Mängeln in den eigenen Reihen nicht fortläuft, sondern seine Herde aus dem Schlamm herausführen will. Dieser Weg ist noch lang. Aber der Papst geht ihn mit Entschiedenheit.