Kommentar: Barbarei auf Putins Befehl

Von Stephan Baier

Fleisch und Fisch werden in Krematorien verbrannt, Obst und Käse untergepflügt oder von Bulldozern zermalmt. Präsident Wladimir Putin höchstselbst gab die Anweisung, beschlagnahmtes Schmuggelgut aus den Sanktionsländern zu vernichten. Rund 26 000 Tonnen „Sanktionsware“ hat Russlands Zoll binnen eines Jahres konfisziert. Vieles soll nicht ordentlich registriert, sondern unterschlagen und unter der Hand weiterverkauft worden sein. Hoffentlich! Denn ein kleines, illegales Zubrot für korrupte Zollbeamte ist noch erträglicher als die vom Kreml angeordnete Barbarei, Tonnen von Lebensmitteln einfach zu vernichten. Putins Anordnung ist ein Zeichen historischer Ignoranz, in einem Land, in dem im 20. Jahrhundert Millionen Menschen den Hungertod starben – nicht nur, aber auch während des Zweiten Weltkriegs. Putins Vernichtungsbefehl ist ein sozialer Skandal, in einem Land mit gut 20 Millionen Einwohnern unter der Armutsgrenze. Er ist drittens ein politischer Skandal, weil der Autokrat im Kreml damit die eigenen Bürger zu den Hauptleidtragenden seiner Aggressions- und Destabilisierungspolitik gegen die Ukraine macht: Nicht die politische Klasse und die Oligarchen darben angesichts der Sanktionen, mit denen der Westen und Russland sich gegenseitig zu bestrafen suchen, sondern die einfachen Menschen in Russland.

Viertens aber hat Putins Vorgehen auch einen bedenklichen ideologischen Hintergrund: Als Mutter Teresa der Sowjet-Führung 1987 erstmals anbot, einige ihrer Schwestern zur Sorge um die „Ärmsten der Armen“ in die Sowjetunion zu entsenden, da lehnte die kommunistische Nomenklatura dieses Angebot zunächst ab. Nicht aus Angst vor christlichen Missionarinnen, sondern mit der Begründung, im kommunistischen Paradies gebe es gar keine Armen. Der allmächtige Staat kümmere sich um alle Bedürfnisse aller. Würde Putin die beschlagnahmten Lebensmittel Armen, Arbeitslosen, Obdachlosen und Waisen zukommen lassen, so würde er damit eingestehen, dass Russland auch im 16. Jahr der Putinokratie kein soziales Paradies ist.