Kommentar: Balkanische Blutvergiftung

Von Stephan Baier

Das große Weltfriedenstreffen, das die Gemeinschaft Sant'Egidio derzeit in Sarajevo abhält, ist die eine Seite balkanischer Wirklichkeit: Nicht nur in Sarajevo, wo 1914 der Erste Weltkrieg begann und 1995 der bisher letzte Krieg auf europäischem Boden endete, gibt es die Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander oder wenigstens Nebeneinander der angestammten Nationen und Religionen. Überall in Südosteuropa ist diese Sehnsucht anzutreffen, wenn auch nicht überall im gleichen Maße. Aber es gibt auch die andere Seite balkanischer Wirklichkeit: die Bereitschaft, alte Rechnungen auszutragen, die vermeintliche Dominanz der anderen Seite zu brechen, Grenzen zu verschieben und bestehende Staaten zu destabilisieren, die eigene Volksgruppe mächtiger zu machen.

Am Montag konnte im Kosovo die albanische Mehrheit feiern, denn nach fast fünf Jahren international überwachter Unabhängigkeit ist der Kosovo nun endgültig souverän. Doch auch wenn die Verantwortlichen in Prishtina bewiesen haben, dass sie zur Staatenbildung nicht weniger in der Lage sind als ihre Nachbarn, dass sie die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit achten wollen, kehren damit noch nicht Ruhe und Stabilität ein. Viele der rund 35 000 Serben im Nordkosovo weigern sich, den kosovarischen Staat und somit ihre Trennung von Belgrad anzuerkennen. Und in Serbien regieren jetzt wieder alte Gefolgsleute des Diktators und Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic, die den serbischen Separatisten nicht nur hunderte Millionen Euro an finanzieller Unterstützung liefern, sondern auch brandgefährliche nationale Signale. Die serbischen Minderheiten im Kosovo wie in Bosnien schielen nach Belgrad, wo heute wieder jene politische Klasse das Sagen hat, die der großserbische Nationalismus einst nach oben spülte. Das Gift des Misstrauens, der historischen Vorurteile und des Rassismus ist noch immer im Blutkreislauf des Balkan. Das Sant' Egidio-Treffen in Sarajevo böte das notwendige Antibiotikum. Fraglich ist nur, ob es die Nationalisten in Belgrad, Banja Luka und Mitrovica schlucken wollen.