Kommentar: Anwälte der Menschheit

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

Man kann ihn kaum noch ertragen. Den anschwellenden Bocksgesang von Politikern, die mit Blick auf das bevorstehende Konklave eine den Menschen zugewandtere Kirche fordern. In Wirklichkeit ist niemand heute den Menschen – dem Einzelnen genauso wie der Masse – mehr zugewandt als die Kirche und ihre Hirten. Was auch nicht anders sein kann. Denn erst wer in jedem Menschen ein Kind Gottes zu erblicken vermag, für dessen Erlösung Gott Mensch wurde und sich am Kreuz hingab, dem verbietet es sich, sie nach Maßstäben der Welt in Arme und Reiche, Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Produktive und Unproduktive zu kategorisieren. Wer den Aufruf der Belgischen Bischofskonferenz liest, mit der sie Stellung zu der von Politikern erwogenen weiteren Liberalisierung des 2002 erlassenen Euthanasie-Gesetzes nimmt, merkt schnell: Hier melden sich die letzten noch verbliebenen Anwälte einer humanen Gesellschaft zu Wort. Nicht drohend, mit erhobenem Zeigefinger, sondern liebevoll, differenziert, und mit Weitblick.

Wenn etwa die Bischöfe von der „Negativseite des Individualismus“ sprechen, die Menschen „in ihrer eigenen Einsamkeit“ einschlösse, erkennen sie an, dass der unsere Gegenwart prägende Individualismus auch eine positive Seite habe. Wenn sie einräumen, dass das Ertragen großer Schmerzen oder schwerer Krankheiten für die Betroffenen wie für ihr Umfeld zu einer „Entmutigung“ führen könne, die „total“ sei, äußern sie Verständnis für diejenigen, die den Wunsch nach Euthanasie hegen und brandmarken ihn nicht etwa als gottvergessen. Zugleich zeigen sie jedoch unmissverständlich auf, wo eine Gesellschaft zu landen droht, die selbst nichteinwilligungsfähigen Personen – Kindern und Dementen – die Tötung auf Verlangen oder einen ärztlich assistierten Suizid offerieren will: Bei der totalen Entsolidarisierung mit den Alten, Kranken und Schwachen. Eine solche Gesellschaft kann unmöglich eine demokratische sein. Es sind die Politiker, die sich mehr den Menschen zuwenden müssen, nicht Papst und Bischöfe.