Kommentar: Als Flüchtling Jesus begegnen

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

„Fremde beherbergen“ gehört zu den klassischen Werken der Barmherzigkeit, an die Papst Franziskus immer wieder mahnend erinnert. Die Werke der Barmherzigkeit gehen zurück auf die Gerichtsrede Jesu, der sich mit dem Bedürftigen identifiziert: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen...“ (Matthäus 25,35). Dass wir in den Ärmsten der Armen Jesus selbst begegnen können, war das Leitmotiv Mutter Teresas, die im September in Rom heiliggesprochen wird. Dass umgekehrt die Ärmsten der Armen Christus begegnen können, wenn Christen ihnen christlich gegenübertreten, ist keineswegs paradox: Wie sollen Muslime begreifen, dass Gott die Liebe ist (1 Johannes 4,8), wenn ihnen im vermeintlich christlichen Abendland nur Hass und Ablehnung entgegenschlagen?

Nun scheint die kirchliche Willkommenskultur (die mit der politischen nicht verwechselt werden darf) erste Früchte zu tragen: Kardinal Schönborn berichtet, dass die Hälfte aller erwachsenen Taufbewerber in der Erzdiözese Wien Muslime seien. Überdurchschnittlich viele Iraner bereiten sich auf die Taufe vor. Von einer Massenbewegung kann keine Rede sein, doch haben viele Muslime in Europa offenbar entdeckt, was ihnen in ihren Heimatländern unzugänglich gemacht wurde: die befreiende Schönheit des christlichen Glaubens! Nicht Lektüre, sondern glaubwürdige Zeugenschaft, nicht Erlesenes, sondern Erfahrenes weckt – zusammen mit der ungeschuldeten Gnade – den Glauben. Neben den leiblichen Werken der Barmherzigkeit gibt es nun aber auch die geistlichen. Zu ihnen gehört etwa „die Unwissenden lehren“. Die Kirche in Österreich bereitet muslimische Bewerber in einem gründlichen Katechumenat auf die Taufe vor. Nicht einfach nur, um zu verhindern, dass sich ein Iraner oder Afghane mit der Taufe bloß einen zusätzlichen Asylgrund organisiert, sondern weil das Leben als Christ für Konvertiten aus dem Islam besonders herausfordernd, ja wirklich lebensgefährlich ist. Wahre Kreuzesnachfolge eben.