Kommentar: Ägypten: Terror oder Politik?

Von Oliver Maksan

Zwei entgegengesetzte Szenarien sind nach Mursis Absetzung durch das Militär denkbar. Deren positives lautet: Die von der Macht vertriebenen Muslimbrüder lassen sich in den politischen Prozess einbinden – Militärputsch hin, Mursis Arrestierung her. Das schlechteste Szenario geht so: Ägypten wird ein neues Algerien. Das heißt: Die Muslimbrüder gehen von der Demokratie ernüchtert zurück in den Untergrund, aus dem sie kamen, radikalisieren sich und überziehen wie die um ihren Wahlsieg gebrachte Islamische Heilsfront in Algerien nach 1991 das Land mit Terror. Dazwischen gibt es viele denkbare Abstufungen. Ein ungewisser Faktor sind unabhängig agierende dschihadistische Gruppen, die ein post-islamistisches Ägypten aufs Korn nehmen könnten. Aus Libyen und dem der Kairoer Kontrolle immer mehr entgleitenden Sinai sind Waffen in Fülle erhältlich. Islamistischer Terror wäre kein Novum für Ägypten: Präsident Sadat wurde 1981 von ihnen ermordet, Ende der 90er Jahre erschütterten Anschläge das Land.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Muslimbrüder, die über 80 Jahre auf ihre Stunde gewartet hatten, sich für die politische Variante entscheiden. Zu mächtig ist das Militär, zu einhellig war die Ablehnung durch das Volk, als dass ein bewaffneter Kampf erfolgreich sein könnte. Angesichts ihrer Stammwählerschaft ist ihnen zudem eine gewichtige Rolle sicher. Dass sie die ihnen jetzt in der Übergangsregierung angebotenen Ministerposten ausgeschlagen haben, war zu erwarten: Die Tötung von 51 Islamisten am Montag Morgen durch das Militär wird noch längere Zeit nachwirken und hat die Polarisierung verstärkt. Wer auch immer begonnen hatte und so bedauerlich die hohe Opferzahl auch ist: Es waren prominente Muslimbrüder, die zuerst mit Blutvergießen gedroht hatten.

Dass sie jetzt die Kopten des Landes für den Sturz Mursis verantwortlich machen, ist angesichts der Millionen, die jetzt gegen Mursi auf den Straßen waren, absurd. Eine leichte Zielscheibe für islamistisch motivierte Gewalt geben die Christen indes allemal ab.