Kolumbien ringt weiter um Geiseln

Mehr als zwei Millionen Menschen protestieren gegen die linksextreme Guerilla Farc – Diese verweigert nach wie vor Verhandlungen mit der Regierung

Das Ringen um die Freilassung weiterer Geiseln in Kolumbien geht weiter. Auch dauern die Kämpfe zwischen Regierungsarmee und Rebellen an. In dieser Woche kam es zu „historischen“ Massendemonstrationen gegen die Farc, die größte Guerilla-Organisation des Landes: Mehr als zwei Millionen Kolumbianer in vierzig Städten des Landes gingen auf die Straße. In Sprechchören und mit Transparenten forderten sie die Freilassung aller Geiseln, die sich in den Händen der Guerilla befinden. Es war die bisher größte und wohl auch spektakulärste Demonstration in dem südamerikanischen Land.

Sogar im Ausland lebende Kolumbianer gingen zu Tausenden auf die Straße, etwa in Argentinien, in Amerika, in Australien, Japan und Europa. In 125 Städten, unter anderem Berlin und Paris, gab es Protestmärsche gegen die Farc. Mobilisiert wurde diese Massenaktion durch Internet-Aufrufe von Studentenorganisationen und Bürgerrechtsgruppen. Unterstützt wurde sie durch die kolumbianischen Behörden, das heißt letztendlich durch die Regierung von Staatspräsident Alvaro Uribe, der sich zurzeit intensiv um eine Freilassung weiterer Geiseln bemüht. Insgesamt hält die Farc über 700 Personen, teilweise schon über Jahre, gefangen, unter ihnen viele Politiker, aber auch Polizisten und Soldaten.

Die Führung der Guerilla macht Gespräche über einen Austausch der Geiseln von drei Bedingungen abhängig: die Entlassung inhaftierter Guerilla-Mitglieder, die Anerkennung der Farc als kriegsführende Partei sowie die Räumung von zwei Gemeinden in der Nähe von Cali, der drittgrößten Stadt des Landes durch die Sicherheitskräfte und somit die Schaffung einer demilitarisierten Zone für die Guerilla. Die Proteste fanden in Kolumbien allerdings nicht nur Zustimmung. Angehörige der Geiseln zeigen sich besorgt. Denn durch die Großdemonstrationen, so die Befürchtung, könnte sich die Führung der Farc provoziert fühlen – eine zusätzliche Gefahr für die Gefangenen. Kritik kam auch von der „Nationalen Bewegung der Opfer der Paramilitärs“ (Movice): Sie bemängelte, dass nur die Gewalt der linksextremen Farc öffentlich angeklagt wurde, während die Todesopfer und die Geiseln der ebenso brutal agierenden paramilitärischen Verbände unbeachtet blieben. Für den 6. März hat Movice deshalb zu einer eigenen Demonstration aufgerufen.

Wohl im Nachgang zu den Demonstrationen hat die Regierung Uribe nochmals bekräftigt, sie werde alles in ihren Kräften Stehende für die Rettung weiterer Geiseln tun. Es besteht Hoffnung, denn die Farc hat bereits angekündigt, drei ehemalige Kongressabgeordnete freizulassen – um damit den „humanitären Bemühungen“ des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und der kolumbianischen Abgeordneten Piedad Cordoba zu entsprechen. Ein genaues Datum für eine Übergabe steht bisher nicht fest.

Hugo Chávez will als Vermittler fungieren

Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist noch nicht auf der Liste derer, die freikommen sollen. Dennoch wächst die Hoffung auch bei der Familie Betancourt, zumal sich der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei einem Besuch in Kolumbien Ende Januar im Gespräch mit Uribe nochmals ausdrücklich für eine Freilassung der Politikerin mit französischem Pass eingesetzt hatte.

Umstritten ist weiterhin die Rolle des venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez, der sich in dem kolumbianischen Konflikt als Vermittler zu der Guerilla geradezu aufgedrängt hat. Darüber war es zu einer ernsthaften diplomatischen Krise zwischen den Nachbarn Kolumbien und Venezuela gekommen. Der kolumbianische Staatschef Uribe zeigte sich entrüstet über die Art und Weise, wie sich sein venezolanischer Amtskollege teilweise hinter seinem Rücken einschaltete und sich sogar zum Fürsprecher der Farc machte. Inzwischen mahnt er wieder zu Besonnenheit in den Beziehungen zu Venezuela und betont die „geschwisterliche Verbundenheit“ beider Staaten. Es scheint, dass es ohne die Mithilfe von Chávez schwierig werden dürfte, die Freilassung weiterer Geiseln zu erreichen.

In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung betonte die Führung der Farc noch einmal, sie sei zu keinem Treffen mit einem Sprecher der Regierung bereit, weder innerhalb noch außerhalb Kolumbiens. Auch andere Vermittlungsangebote lehnte die Guerilla ab, darunter das der katholischen Kirche Kolumbiens und der spanischen Regierung. Beide würden einseitig Staatspräsident Uribe unterstützen.

Hingegen dankt die Farc-Führung Präsident Chávez ausdrücklich für seine bisherigen Bemühungen. Und sie schlägt mögliche zusätzliche Vermittler vor: neben Hugo Chávez und dem französischen Staatschef Sarkozy auch die Präsidenten von Nicaragua, Daniel Ortega, und Ecuador, Rafael Correa. Beide gehören zur sogenannten „Neuen Linken“ in Lateinamerika. Für Uribe bedeutet es eigentlich eine Provokation, dass die Farc ausgerechnet seine politischen Gegner als mögliche Vermittler benennt. Andererseits wächst der innenpolitische Druck auf den kolumbianischen Präsidenten, in der Geiselfrage eine humanitäre Lösung zu erzielen.

Für Uribes eigene Position als Präsident ist die Frage von Krieg oder Frieden in Kolumbien von grundsätzlicher Bedeutung. Momentan gibt es eine Diskussion über seine mögliche Wiederwahl für eine dritte Amtszeit. Zwar dauert die zweite Amtszeit des Staatschefs, der im Sommer 2006 mit über sechzig Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, noch bis 2010. Am Donnerstag brachte aber ein Parteigänger Uribes die Präsidenten-Debatte in Gang, als er eine Verfassungsänderung forderte, die eine nochmalige Wiederwahl des Präsidenten ermöglichen würde.

Von der Opposition kam heftiger Widerspruch. Es wurden Parallelen zu Venezuela und Hugo Chávez hergestellt, der noch immer eine Verfassungsänderung anstrebt, um seine Macht zu sichern. Der kolumbianische Staatschef selbst hält sich vorerst bedeckt. Sollte er jedoch eine weitere Amtsperiode anstreben, ist es wichtig, dass er den Kolumbianern Erfolge bei der Befriedung des Landes vorweisen kann.