Köhlers Nähe zu Polen

Sein erstes Reiseziel als Bundespräsident vor fünf Jahren war Polen. Auch jzu Beginn seiner zweiten Amtszeit hat Bundespräsident Köhler wieder dem östlichen Nachbarn vor allen anderen Ländern einen Besuch abgestattet. Eine kurze Visite zwar, aber – wie schon vor fünf Jahren – eine Geste mit Bedeutung. Denn: Polen liegt Köhler, wie er selbst sagt, „am Herzen“. Er wünscht sich zu Polen eine Beziehung nach dem Vorbild der deutsch-französischen Freundschaft. Aussöhnung über die Vergangenheit, vertiefte Kooperation und Partnerschaft in Gegenwart und Zukunft.

Das alles ist wichtig und richtig, und offenbar verfügt Köhler begleitend zu dieser Vision über den richtigen Ton. Auch diesmal hat er beim Vier-Augen-Gespräch mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski offen über kontroverse Themen sprechen können: Über die deutsche Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, die in Polen abgelehnt wird, das deutsch-russische Ostsee-Pipeline-Projekt, das die Polen mit Misstrauen verfolgt wird, den EU-Reformvertrag, für den sich Kaczynski nur langsam erwärmen kann. Zur Entspannung, sozusagen, kam man auch auf die internationale Finanzkrise zu sprechen, die der polnische Präsident nutzte, um Köhlers finanzpolitische Kompetenz herauszustellen. Köhler, soviel ist klar, hat ihn Polen kein Imageproblem, er ist nicht unbeliebt. Das hat sich auch bei diesem Besuch bestätigt. Das Problem, das Köhler auf dem Weg seiner Visionsumsetzung hinderlich sein könnte, ist ein anderes: Seine fehlende Bekanntheit. Helmut Kohl und Angela Merkel kennt in Polen jeder, Erika Steinbach auch, doch Horst Köhler? Wer ist das? So profiliert und geschätzt Köhler mittlerweile in der Bundesrepublik ist, in Polen löst sein Name bei der Bevölkerung nur ratloses Schulterzucken aus.

Deshalb muss man als wichtigstes Signal der Polenvisite eine fast schon privat wirkende Anmerkung des Bundespräsidenten werten: Köhlers Ankündigung, in dieser Amtsperiode in das polnische Dorf Skierbieszow zu reisen, in dem er 1943 geboren wurde. Das habe er „schon immer vorgehabt“, sagte Köhler in Warschau. Auch wenn es für in „keine leichte Übung“ sei. Die Familie flüchtete dort vor der Roten Armee nach Westen. Das mit der Übung mag stimmen, doch wenn dieser Besuch gründlich vorbereitet wird und Köhler dabei sein Herz für Polen laut schlagen lässt, steckt darin viel Potenzial. Nicht nur, um Köhlers Popularität in Polen zu verbessern, sondern die deutsch-polnischen Beziehungen insgesamt. Bei der Aussöhnung und bei der Kooperation. Köhler kann das schaffen. stm