Klärung im Kinderheim

Zahl der Sorgerechtsentzüge nimmt dramatisch zu – Jugendämter haben zunehmend Schwierigkeiten, freie Plätze zu finden

Die Geschwister reagieren unterschiedlich auf Fremde: Während die zweieinhalbjährige Jennifer verschämt auf ihr Legohaus schaut, wirft sich der ein Jahr jüngere Kevin (beide Namen geändert) in Pose und hält Augenkontakt zum Fotografen. Wie es im Innern der beiden aussieht, wissen nur wenige. Jennifer und Kevin sind seit einem Jahr in der sogenannten Perspektivklärung für Säuglinge und Kleinkinder des Hermann-Josef-Hauses in Bonn. Maximal neun Kinder unter sechs Jahren aus prekären Familienverhältnissen können in dieser speziellen Gruppe der katholischen Einrichtung unterkommen. Um zu prüfen, ob sie in einer Pflegefamilie besser aufgehoben wären, wie die pädagogische Leiterin Susanne Beckschwarte erläutert.

Die Ämter stehen unter enormem öffentlichen Druck

Zugewiesen werden die kleinen Klienten von den Jugendämtern, die allerdings zunehmend Schwierigkeiten haben, freie Plätze zu finden. „Die meisten Häuser sind voll“, weiß Beckschwarte. Ein Grund: Seit der Erweiterung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes 2005 muss ein Jugendamt bei Gefährdung Kinder auch ohne Gerichtsurteil in Obhut nehmen. Andererseits stehen die Ämter wegen immer neuer Fälle von Kindesmisshandlung unter enormem öffentlichen Druck. Zuletzt sorgte der Tod der dreijährigen Sarah für Schlagzeilen, die im fränkischen Thalmässing qualvoll verhungerte. Medien warfen den Behörden Untätigkeit vor. Gleichwohl deuten die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes darauf hin, dass sich die staatlichen Eingriffe in Kinderpflege und -erziehung häufen. Die Zahl der Sorgerechtsentzüge hat demnach in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Im Jahr 2008 holten Jugendämter bundesweit 12 244 Kinder gegen den Willen der Eltern aus ihren Familien, um eine „Fremdunterbringung“ zu ermöglichen. Zum Vergleich: Zwischen 1991 und 2001 schwankte die Zahl zwischen 7 000 und 8 000 Sorgerechtsentzügen. Bis dieser Schritt vollzogen wird, vergeht allerdings eine gewisse Zeit, betont Peter Lukasczyk von der Abteilung Soziale Dienste des Jugendamts Düsseldorf.

Werden die Jugendämter etwa von Lehrern, Polizei oder Nachbarn auf möglicherweise gefährdete Kinder aufmerksam gemacht, kommt es in der Regel zu einem Gespräch, in dessen Verlauf den Eltern Hilfen zur Erziehung angeboten werden. Verlaufen diese Treffen ergebnislos, wird das Familiengericht eingeschaltet. Die Richter können laut Paragraf 1666 des Bürgerlichen Gesetzbuches Hilfen anordnen oder den Kontakt zu den Kindern einschränken, wenn etwa Gewalt mit im Spiel ist. Als letzte Konsequenz gilt der Sorgerechtsentzug. Dieser wird dann eingeleitet, wenn das Jugendamt keine Möglichkeit mehr sieht, durch Hilfen und Aufsicht Schaden von den Kindern abzuwenden. Der Katalog an möglichen Maßnahmen ist groß. Und erfordert flexible Kinder- und Jugendhilfezentren. Das klassische Kinderheim, in dem Säuglinge bis zum Erwachsenenalter groß werden, gibt es nicht mehr, sagt Pädagogin Beckschwarte. „Wir bieten eine bunte Palette von Angeboten an, von niederschwelligen Informationsangeboten an Schulen bis zu stationären Aufenthalten.“ Vorrangiges Ziel bleibe eine Lösung innerhalb der Familie. Deshalb arbeiteten die Heime in enger Abstimmung mit dem Jugendamt und soweit möglich mit den Eltern. Gerade ältere Jugendliche könnten so nach einem Aufenthalt von drei Monaten bis anderthalb Jahren wieder in ihre Familien zurückkehren und hätten hinterher oftmals ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern.

Rauer wird der Ton, wenn junge Eltern fürchten, ihre kleinen Kinder zu verlieren. Gruppenleiterin Silvana Bombonato, zuständig für die „Perspektivklärung“ im Hermann-Josef-Haus, berichtet von verbalen Attacken und Androhung körperlicher Gewalt, die nicht selten zu einem Hausverbot führen. Auch der Mutter von Jennifer und Kevin fiel es alles andere als leicht, ihre beiden Kinder in die Einrichtung abzugeben. Doch nach einem einjährigen Aufenthalt steht inzwischen so gut wie fest: Die beiden dürfen bald wieder zu ihrer Mutter zurück.