Kinder als Kampfmaschinen

Am 12. Februar ist der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten – Noch immer müssen mehr als 300 000 Minderjährige mit der Waffe dienen

Er zielt auf den Kopf seines Vaters. Die schwere Pistole liegt ruhig in seinen jungen Händen. Wochenlang hatten die RUF-Rebellen den neunjährigen Dia gezwungen zu morden, sich mit Drogen vollzupumpen, Befehle auszuführen und nicht zu hinterfragen. Die Killer der Revolutionary United Front (RUF) hatten Dia aus seinem Dorf in Sierra Leone entführt und ein Maschinengewehr in seine Knabenhände gelegt. Gehirnwäsche und Drogen taten ein Übriges: Dia wurde zur Kampfmaschine, die sich nun gegen ihren Vater richtet.

Eine Szene wie aus einem Hollywoodstreifen? Tatsächlich: Dia hört im wirklichen Leben auf den Namen Kagiso Kuypers und spielt neben Filmstar Leonardo di Caprio eine der Hauptrollen im Kindersoldatenepos „Blood Diamond“ (Blutdiamant). Das Tragische daran: Solche Szenen spielten sich während des Bürgerkriegs in den Dörfern Sierra Leones tagtäglich ab. Paramilitärs entrissen die Kinder ihren Familien und zwangen sie, Verwandte oder Geschwister zu erschießen: ein grausamer Initiationsritus, um die Kinder zu traumatisieren und ihnen die Rückkehr in ihre Dörfer unmöglich zu machen.

Stärke ist alles. Wer zu schwach ist, ist tot

Den Rebellen waren alle Mittel recht: Sie brauchten Diamanten, um sie gegen Waffen und Drogen eintauschen zu können. „Die Kinder werden desensibilisiert. Stärke ist alles, wer zu schwach ist, ist tot“, erklärt Monika Frank-Keminger die Hintergründe des Leidensweges der Kinder. Sie ist Leiterin der Projektabteilung der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (Missio) und unter anderem zuständig für ein Resozialisierungsprojekt für ehemalige Kindersoldaten in der Diözese Gulu im Norden Ugandas. Frank-Keminger ist überzeugt: Ob in Sierra Leone, Uganda, Myanmar, Nepal, Sri Lanka oder Kolumbien, die Problematik ist immer wieder dieselbe – Kinder werden Opfer der Machtinteressen von Erwachsenen. In mehr als vierzig Ländern der Erde müssen mehr als 300 000 Kinder und Jugendliche in Kriegen ihre Köpfe hinhalten. Viele werden wie Dia sogar dazu gezwungen, ihre Waffe gegen die eigenen Eltern zu erheben. Das ist auch der Grund, weshalb es oft schwierig ist, ehemalige Kindersoldaten zu resozialisieren: ihre Familien und die Dorfgemeinschaft verweigern ihnen die Aufnahme, da sie eben nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind – man begegnet ihnen mit tiefem Misstrauen. Oft scheint die Situation hoffnungslos: Die kirchlichen Mitarbeiter in Gulu machen die Familien der ehemaligen Soldaten ausfindig und bringen sie in ihre Dörfer. Doch viele kehren nach wenigen Wochen in die Camps zurück, denn man verweigert ihnen die Aufnahme. Daran ist aber nicht nur das Misstrauen schuld: Die meisten Familien haben nicht genug zu essen; einen weiteren Menschen zu ernähren, kann eine ganze Sippe ins Elend stürzen.

Deshalb erweiterte die Kirche das Projekt um einen entscheidenden Punkt: Bildung. Neben der Erstversorgung und der psychologisch-seelsorglichen Betreuung achtet man darauf, dass die Kinder einen richtigen Beruf wie zum Beispiel Tischler oder Schneider erlernen, damit sie später in der Lage sind, sich selbst zu versorgen.

Auch politisch gesehen spielt die katholische Kirche eine wichtige Rolle: Sie war im Land, bevor es zum Konflikt kam. Während des Terrors durch die Rebellenarmeen blieb sie im Krisengebiet und bei den bedrängten Menschen. Nach Jahren des Bürgerkriegs wurde nur die Kirche von beiden Seiten als Vermittlerin akzeptiert: Der Erzbischof von Gulu, John Baptist Odama, verhandelte mit Regierungsarmee und Rebellen über ein Friedensabkommen – bislang allerdings jedoch vergebens. Dennoch baut die Kirche mit an der Zukunft des Landes. Vergebung spielt bei diesem Neuanfang eine zentrale Rolle. Nach all den Grausamkeiten kann man nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen.

„Friedensarbeit und Raum für Gerechtigkeit sind notwendig. Das Ziel ist aber nicht Vergeltung, sondern Vergebung“, zeigt sich Padre Gabriel Mejia überzeugt. Auch er arbeitet mit ehemaligen Kindersoldaten, allerdings nicht in Afrika, sondern in seiner Heimat, in Antioquia, Kolumbien. Vor mehr als 25 Jahren gründete er bereits eine Organisation namens „Hogares Claret“, die seinem in Frankreich gegründeten Orden, den Claret Missionaren, sehr nahesteht. In der berühmt-berüchtigten Anden-Stadt Medellin kümmert sich diese Institution um Straßenkinder, jugendliche Drogenkuriere und eben auch Kindersoldaten.

Lange Zeit galt Medellin als der gefährlichste Ort der Welt: Nirgendwo sonst wurden so viele Morde in einem Jahr verübt wie hier. Nach wie vor ist die Stadt ein wichtiges Zentrum des kolumbianischen Drogengeschäftes, in dem paramilitärische Organisationen und Guerillabewegungen zu den wichtigsten Akteuren zählen. Die bekannteste unter ihnen ist die marxistisch motivierte Farc. Erst kürzlich machte sie Schlagzeilen durch die lancierte und im Endeffekt nicht stattgefundene Freilassung einer politischen Geisel: Vor vier Jahren entführte die Guerilla die damalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt.

Auch die Farc rekrutiert Kinder als Kämpfer. Nicht immer geht es dabei so brutal zu wie bei Dias Rekrutierung in dem Film „Blood Diamond“. Manche Jugendlichen melden sich auch freiwillig. Insgesamt befinden sich in Kolumbien mehr als 15 000 Kinder im Krieg. „Sie suchen das Abenteuer, eine bessere Zukunft, andere Perspektiven, als sie in ihren oft entlegenen Dörfern im Dschungel oder in den Anden finden können“, erklärt Padre Mejia dieses Phänomen. Nicht nur die Guerilla, auch die politisch rechts stehenden Paramilitärs rekrutieren Kinder. Manche der jungen Soldaten verlassen die Kampfverbände schon nach einigen Monaten wieder, andere kämpfen jahrelang im Dschungel.

Nicht immer gelingt die Resozialisierung

Leicht sei es für die Kinder und Jugendlichen nicht, so der Priester, nach ihren Erlebnissen wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Seine Mitarbeiter und er versuchen es mit Gebet und Geduld: „Wir müssen ihnen vor allem neue Lebensperspektiven eröffnen: eine vernünftige Ausbildung und der Glaube können dabei helfen.“ Das Ziel seiner Organisation sei es, in jedem Menschen, der zu „Hogares Claret“ kommt, ein Wesen zu erkennen, das Liebe, Zuwendung und Geborgenheit braucht. Besonders ehemalige Kindersoldaten sehnen sich nach einem sicheren, liebevollen Zuhause: „Wir versuchen in ihnen die Kinder zu sehen, die sie einmal waren und zum Teil noch immer sind, nicht die brutalen Kämpfer, die mit ihren Opfern kein Mitleid kannten.“

Nicht immer funktioniert Padre Mejias System der Resozialisierung. Manchmal rennen die Jugendlichen auch wieder davon. Das sei zwar jedes Mal ein ernüchternder Rückschlag, so Mejia, aber es gibt auch positive Fälle. Einigen konnte er sogar zu einem Studium an der Universität von Medellin verhelfen. Das sei aber die Ausnahme. Der Großteil „seiner“ Kinder erlerne einen handwerklichen Beruf: „Damit finden sie in der Stadt leicht eine Arbeit.“ Die Frage, ob er an ein absehbares Ende der kolumbianischen Kindersoldatenproblematik glaube, verneint der Priester. „Solange man in Amerika und Europa bis zu 60 000 Dollar für ein Kilogramm Heroin zahlt, wird es die Guerilla und die Paramilitärs geben. Und so lange wird es auch Kindersoldaten in Kolumbien geben.“