Kerzen und Glocken gegen Terror

Würdiges Gedenken an die Opfer des islamistischen Terroranschlags – Es bleiben auch ein Jahr danach Fragen offen. Von Josef Bordat

Terroranschlag vor einem Jahr _ Gedenken in Berlin
Ein Lichtermeer am Berliner Breitscheidplatz unterstreicht die Anteilnahme der Bevölkerung. Foto: dpa
Terroranschlag vor einem Jahr _ Gedenken in Berlin
Ein Lichtermeer am Berliner Breitscheidplatz unterstreicht die Anteilnahme der Bevölkerung. Foto: dpa

Auf dem Berliner Breitscheidplatz wurde am Dienstag der zwölf Toten des Terroranschlags vom 19. Dezember 2016 gedacht. Am Abend dieses Tages war der tunesische Terrorist Anis Amri mit einem gestohlenen Laster in den dortigen Weihnachtsmarkt gerast. Zwölf Menschen, darunter der polnische Fahrer des gestohlenen Lasters, wurden bei der islamistischen Attacke getötet. Mehr als 60 Menschen wurden teils schwer verletzt. Einige von ihnen sind bis heute in medizinischer Behandlung.

Am Jahrestag des Terroranschlags ruht das sonst so geschäftige Treiben auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Auch andere Berliner Weihnachtsmärkte legen am 19. Dezember eine Pause ein und die Partnerstädte des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf laden ebenfalls zu Gedenkveranstaltungen ein. Grenzenlose Solidarität.

Am Vormittag findet in der Gedächtniskirche eine Andacht mit Hinterbliebenen und Betroffenen sowie die Einweihung eines Mahnmals statt. Das Mahnmal zeigt einen goldfarbenen Riss im Boden des Platzes sowie die Namen der zwölf getöteten Menschen, in alphabetischer Reihenfolge auf den Stufenabsätzen zur Kirche eingraviert. Der Riss ist nach Art der traditionellen japanischen Kintsugi-Technik gearbeitet, mit der zerbrochene Keramikgefäße geflickt werden, so, dass sie wieder brauchbar sind, aber zugleich auch so, dass man den Bruch am deutlich hervorgehobenen, zumeist vergoldeten Riss erkennen kann. Auch vor der Gedächtniskirche ist die Spur des Terrors deutlich zu sehen.

Nach einem ökumenischen Friedensgebet mit dem Friedenslicht von Bethlehem in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche unter Mitwirkung des Bachchors der Kirchengemeinde folgt um 19.30 Uhr die Friedenskundgebung mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller statt. Aus der Gedächtniskirche heraus wird die US-amerikanische Sängerin Jocelyn B. Smith übertragen. Um 20.02 Uhr, dem Zeitpunkt des Anschlags, läuten die Glocken der Gedächtniskirche zwölf Minuten lang. Rund um die Kirche bilden etwa 1 000 Menschen mit Kerzen eine Lichterkette. Auch dieses Licht stammte vom Friedenslicht aus Bethlehem, das am Sonntag 500 Pfadfinderinnen und Pfadfinder in die Gedächtniskirche nach Berlin gebracht hatten. Nun helfen einige von ihnen, die Kerzen zu verteilen.

Das Areal rund um die Gedächtniskirche ist weiträumig abgesperrt. Noch vor den Betonblöcken stehen Absperrgitter und Mannschaftswagen. Die Polizeipräsenz wird nur noch vom Medieninteresse übertroffen. Zahlreiche TV-Anstalten machen Aufnahmen, der regionale Rundfunk Berlin-Brandenburg überträgt live. In den Bereichen des Weihnachtsmarkts, die nicht unmittelbar an der Kirche angrenzen, herrscht unterdessen gespenstische Leere. Ruhig ist es auch an der Bühne vor der Kirche, dort, wo hunderte Menschen sich versammelt haben. Eine andächtige und konzentrierte Stille liegt über dem Breitscheidplatz, wie sie sonst kaum noch außerhalb religiöser Veranstaltungen erfahrbar ist. Nur selten wird ein Handy gezückt, um ein paar Schnappschüsse zu machen. Zu ernst ist der Anlass, zu nahe gehen die nachdenklichen Worte der Redner, die einhellig betonen, dass Berlin tolerant bleibe, dass wir uns nicht einschüchtern lassen dürften, dass mit dem Terror kein Riss durch die Gesellschaft gehe – dem Mahnmal zum Trotz. Die Namen der Opfer aus der Ukraine, aus Polen, Italien, Israel und Deutschland werden verlesen. Für jedes der Opfer läuten die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Minute lang, nachdem die künstliche Beleuchtung am Breitscheidplatz abgestellt worden ist.

Es sind zwölf Minuten, in denen 1 000 Menschen im Schein ihrer Kerzen schweigen und der Platz einzig und allein vom Klang des Glockengeläuts erfüllt ist. Zum Schluss der Gedenkveranstaltung singt Jocelyn B. Smith „Amazing Grace“.

Trotz dieser stimmungsvollen Atmosphäre und der vielen im besten Sinne anrührenden Gesten und Symbole wirft der Umgang mit dem Schreckensereignis auch ein Jahr danach unbequeme Fragen auf. Hätte der Anschlag verhindert werden können, wenn die Behörden mit dem zuvor bereits mehrfach strafrechtlich auffälligen Täter konsequenter umgegangen wären? Welche Ermittlungspannen, die mittlerweile auch Justizminister Heiko Maas einräumt, gab es und wie lassen sich künftig derartige Fehler vermeiden? Was kann getan werden, um Angehörigen von Terroropfern schneller und wirkungsvoller zu helfen?

Gerade der Umgang mit den Hinterbliebenen steht in der öffentlichen Diskussionen: „Terror-Hinterbliebene sollen Taxi zum Breitscheidplatz selbst zahlen!“, titelte eine Berliner Boulevardzeitung und zitiert dazu den Schwager der ermordeten Israelin Dalia Elyakim: „Sie wollten nur Geld sparen, alles war sehr kalt. Sie haben nicht versucht, uns zuzuhören oder unsere Bedürfnisse zu verstehen.“

In unmittelbarer Nähe vom Breitscheidplatz geht es den Ku-Damm hinauf. Hier fällt die Rückkehr zur Normalität leicht, es herrscht der Alltag des Kommerz-Advents. Lichterketten strahlen auch hier. Nur mit der Stille ist es vorbei.