Keine Trendwende beim Rauschtrinken

Fast jeder fünfte Jugendliche betrinkt sich regelmäßig – Wissenschaftler: Jugend folgt Beispiel der Erwachsenen

Berlin (DT/dpa/clm/aho) Fast jeder fünfte Jugendliche in Deutschland betrinkt sich mindestens einmal im Monat. Überproportional häufig greifen dabei junge Männer zu Bier, Schnaps und Wein. Das zeigt eine am Montag in Berlin vorgestellte Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Rauschtrinken stellt gerade für Jugendliche ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar und kann zu einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung führen“, sagte die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler. Zugleich zeigte sich die CSU-Politikerin zurückhaltend, Jugendliche etwa über eine Verteuerung von Alkohol vom Trinken abzuhalten. Hinsichtlich eines möglichen Alkohol-Werbeverbotes signalisierte Mortler Gesprächsbereitschaft. „Ich bin hier offen für Diskussionen“, sagte sie. Allerdings sei ein Verbot nur möglich, wenn ein Abstimmungsprozess der Bundesregierung in diese Richtung weise.

Der Anteil der 12- bis 17-jährigen regelmäßigen Rauschtrinker sank laut Studie binnen zwei Jahren leicht von 18,2 auf 17,4 Prozent im Jahr 2012. Besonders viele Betroffene gab es 2007, als sich fast jeder dritte Junge in dem Alter mindestens einmal im Monat betrank. Von einem Alkoholrausch sprechen die Autoren dann, wenn Jugendliche mindestens fünf Gläser Alkohol bei einer Gelegenheit trinken. Ungebrochen greifen Jungen öfter zum Glas als Mädchen. So betranken sich etwa 43,9 Prozent der 16- und 17-jährigen Jungen 2012 mindestens einmal pro Monat. Mehr als 26 000 Mal wurden im vergangenen Jahr Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht – zugleich stieg die Zahl derjenigen, die keinen Tropfen anrühren. Rund 30 Prozent der 12- bis 17-Jährigen gaben an, noch nie Alkohol zu sich genommen zu haben. Vor zehn Jahren waren es 13 Prozent. Junge Erwachsene von 18 bis 25 Jahren greifen häufiger zu Alkohol als Jugendliche: 44,1 Prozent von ihnen hatten zuletzt mindestens einmal im Monat einen Rausch, 38,4 Prozent sogar noch häufiger.

Wilfried Kunstmann, Bereichsleiter für Suchterkrankungen und Drogen bei der Bundesärztekammer, betonte gegenüber der „Tagespost“ die schädliche Wirkung alkoholischer Getränke. „Alkohol ist eine enorm nerventoxische Substanz.“ Es richte besonders bei den Personen Schäden an, bei denen das Nervensystem noch nicht voll ausgereift sei. Zugleich warnte Kunstmann davor, das Problem allein auf Kinder und Jugendliche zu reduzieren. „Alkohol ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dem wir uns stellen müssen.“ Auch bei Erwachsenen müsse man früh eingreifen. Ein geeignetes Mittel sieht Kunstmann in der Anhebung der Alkoholsteuer. „Über diese gesetzgeberische Maßnahme kann der Konsum durchaus wirksam eingeschränkt werden.“

Der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier zeigte sich kritisch gegenüber der Behauptung, es gebe bei Jugendlichen einen Hang zum Vollrausch. „Menschen die unter Druck stehen, neigen dazu, punktuell auszubrechen, sich vorübergehend in den Exzess hineinzuflüchten. Das tun wir doch alle, die Jugend folgt hier nur unserem Beispiel“, sagte der Jugendforscher zur „Tagespost“.

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchterkrankungen sterben in Deutschland allein an den direkten oder indirekten Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums etwa 74 000 Menschen. Die volkswirtschaftlichen Schäden werden auf 26,7 Milliarden Euro geschätzt. Gesonderte Daten, welche Folgen und Kosten der Alkoholkonsum Jugendlicher verursacht, werden bisher nicht erhoben.