Keine Spur von „Lügenpresse“

Zahlen, Daten, Fakten und ausgewogene Berichte – Der Wahlabend im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF). Von Maximilian Lutz

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und CDU-Generalsekretär Peter Tauber zu Gast bei „Maybrit Illner“. Foto: Screenshot
Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und CDU-Generalsekretär Peter Tauber zu Gast bei „Maybrit Illner“. Foto: Screenshot

Die amtierenden Regierungschefs haben Erfolg, aber ihre jeweiligen Koalitionen sind gescheitert, weil eine neue Partei mitmischt“, brachte „heute-journal“-Moderator Christian Sievers das Ergebnis eines langen Wahlabends im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) treffend auf den Punkt.

Von 17.20 Uhr bis 23.20 Uhr führte der Sender den Fernsehzuschauer durch einen Dschungel aus Prognosen, Hochrechnungen, Balken- und Kreisdiagrammen. Das war keine leichte Aufgabe, bedenkt man, dass am „Super-Sonntag“ gleich in drei Bundesländern gewählt wurde. Eine ausgewogene Berichterstattung im doppelten Sinn war gefragt – es galt nicht nur, die Kandidaten aller relevanten Parteien gebührend zu Wort kommen zu lassen, sondern den Wahlausgang in gleich drei Bundesländer hinreichend zu beleuchten. Das gelang dem Sender tadellos.

Das ZDF lieferte stets die neuesten Hochrechnungen und veranschaulichte die resultierenden Sitzverteilungen in den Länderparlamenten und mögliche Koalitionen, die sich daraus ergaben. Im ZDF-Hauptstudio in Stuttgart hatte die Moderatorin Bettina Schausten Parteienforscher, Bundespolitiker und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zu Gast. Per Video wurden regelmäßig weitere Spitzenkandidaten zugeschaltet. Der Fernsehzuschauer befand sich mitten im Geschehen – und hatte kaum Zeit, selbst über die Bedeutung des Wahlausgangs zu spekulieren, da fast alle relevanten Fragen im Studio oder in den nachfolgenden Talkrunden erörtert wurden.

Dem erfolgreichen Abschneiden der AfD, insbesondere in Sachsen-Anhalt, widmete der öffentlich-rechtliche Sender einen großen Teil der Berichterstattung. Matthias Fornoff, der „Mann für die Zahlen“, präsentierte Diagramme, mit denen analysiert wurde, welchen Altersgruppen die AfD-Wähler zuzuordnen sind und für welche Parteien sie bei den vorherigen Landtagswahlen gestimmt hatten. Nicht nur die Journalisten des ZDF, auch die Landes- und Bundespolitiker, die im Verlauf des Wahlabends zu Wort kamen, spielten das Abschneiden der AfD nicht herunter, sondern waren sich bewusst, dass das „demokratische Zentrum nun herausgefordert“ sei, wie es der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel ausdrückte. Die Bundesvorsitzende Frauke Petry wich Schaustens Fragen jedoch teilweise aus, wollte die AfD nicht als Anti-Flüchtlingspartei porträtieren und attestierte ihr stattdessen das Image einer Volkspartei.

Von Anfang an wurde deutlich gemacht, dass die Wahlen mehr sind als drei Abstimmungen auf Länderebene. Als „Plebiszit zur Flüchtlingspolitik der Kanzlerin“ und als „kleine Bundestagswahl“ bezeichnete der Parteienforscher Karl-Rudolf Korte die Abstimmungen im Vorfeld der ersten Prognosen im ZDF-Studio in Stuttgart. Ob die Ergebnisse nun Zustimmung zu oder Ablehnung von Merkels Kurs bedeuten, darüber ließ sich jedoch nach dem Ausgang streiten.

Das taten dann auch die Talkshowgäste im ZDF. Zunächst in der vom stellvertretenden ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen moderierten „Berliner Runde“, wo unter anderen SPD-Generalsekretärin Katarina Barley und CDU-Generalsekretär Peter Tauber zu Gast waren.

Tauber nahm Abstand von der These, dass diejenigen Kandidaten abgestraft wurden, die sich nicht hinter Merkels Flüchtlingspolitik stellten. „Auch Wolf, Klöckner und Haseloff stützten Merkels Politik“, betonte er.

Während die „Berliner Runde“ noch relativ sachlich verlief, kam es bei Maybrit Illner zu hitzigen Wortgefechten, meistens mit Beteiligung Frauke Petrys. Besonders mit CDU-Mann Tauber legte sie sich gerne an. Als „katastrophal für Sie“ bezeichnete Petry die CDU-Ergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. In Bezug auf das Asylpaket II warf sie Tauber vor, nicht mutig, sondern „total ängstlich“ zu sein. Dieser betonte, das Ergebnis in Sachsen-Anhalt zeige, dass 75 Prozent der Wähler nichts mit der AfD zu tun haben wollten.

Zwar verwandelte sich Illners Diskussionsrunde, die mit der Frage „Ist das die Quittung für die Bundesregierung?“ überschrieben war, zeitweise in eine Debatte um Lösungen der Flüchtlingskrise. Das war auch kaum zu vermeiden, waren die Wahlen im Vorfeld doch zu einer Abstimmung über Merkels Flüchtlingspolitik stilisiert worden. Es gelang Illner dennoch, über weite Strecken den Bezug zum Wahlergebnis nicht zu verlieren, auch dank der Anwesenheit Giovanni di Lorenzos. Der Chefredakteur der „Zeit“ bildete ein bereicherndes Gegengewicht zu den übrigen Gästen und bemühte sich als einziger Nicht-Politiker häufig um die nötige Objektivität. Er könne im Parteiprogramm der AfD zwar keinen einzigen Lösungsansatz finden, so di Lorenzo, aber man müsse dennoch auf die oftmals berechtigten Fragen eingehen, die einige AfD-Wähler stellten.

Reichlich Zahlen, Fakten und Eindrücke aus den Lagern der Parteien lieferte das ZDF über den Abend verteilt. In unübersichtlichen Zeiten bot sich dem Zuschauer eine übersichtliche und ausgewogene Berichterstattung, die nicht davor zurückschreckte, die Gründe für die derzeitige politische Situation kritisch zu hinterfragen.