Keine Spur von Cuba Libre

Für seine Bürger ist Castros Reich alles andere als ein Paradies – Der Psychologe und Sacharow-Preisträger Guillermo Farinas macht mit einem Hungerstreik darauf aufmerksam. Von Carl-Heinz Pierk

Der kubanische Psychologe Guillermo Farinas wurde zum Symbol des Widerstands.
Der kubanische Psychologe Guillermo Farinas wurde zum Symbol des Widerstands.

Kuba öffnet sich, und alle wollen hin. Zumindest sehr viele. Kristallblaues Wasser, kilometerlange Karibikstrände – Kuba im Postkartenformat. Abends biegen sich die Tische der Luxushotels unter den üppigen Buffets. Touristen genießen Salsa, „Cuba Libre“ und eine kostbare Havanna. Für seine Einwohner ist Kuba alles andere als ein Paradies. Die neue Öffnung Kubas – aus der Not geboren, denn der Karibikstaat braucht dringend Geld – wirkt sich nicht auf die innere Lage des Landes aus. Im Gegenteil: Die Unterdrückung friedlicher Dissidenten in einer der letzten Diktaturen sowjetischer Prägung nimmt noch zu.

Zunehmend Gewalt und Repressalien ausgesetzt sind die „Damen in Weiß“. Die „Damas de Blanco“ gründeten sich im Jahr 2003, als im sogenannten kubanischen „schwarzen Frühling“ 75 Bürgerrechtler und unabhängige Journalisten willkürlich verhaftet wurden. Die Ehefrauen, Schwestern und Mütter politischer Gefangener setzen sich seither friedlich für die Freilassung aller politischen Gefangenen ein. Ganz in weiß gekleidet besuchen sie regelmäßig die Sonntagsmessen in zahlreichen Städten Kubas und marschieren danach schweigend durch die Straßen, mit einer Gladiole in der einen und einem Foto eines inhaftierten Angehörigen in der anderen Hand. Regelmäßig werden sie von Schlägergruppen angegriffen, an friedlicher Meinungsäußerung gehindert und mit Gewalt in ihren Menschenrechten behindert.

Das Europäische Parlament zeichnete die „Damen in Weiß“ im Dezember 2005 in Straßburg für ihren couragierten Einsatz für die Menschenrechte mit dem „Sacharow-Preis für Geistige Freiheit“ aus. Selbst kurz vor dem Kuba-Besuch von Papst Franziskus waren 40 „Damen in Weiß“ nach einem Gottesdienst festgenommen worden. Brutal verfolgt von der kubanischen Polizei und der Staatssicherheit werden auch die Mitglieder von Kubas größter Oppositionsbewegung, der „Patriotischen Union Cubas“ (UNPACU). Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) seien kürzlich Hundert von ihnen verhaftet worden. Die Bürgerrechtsaktivisten hätten sich in verschiedenen Parks in Santiago de Cuba versammelt und friedlich gegen die willkürliche Verhaftung des Sprechers der UNPACU-Jugendbewegung protestiert. Carlos Amel Oliva Torres ist seit seiner Verhaftung am 30. Juni „verschwunden“. Oliva Torres war verhaftet worden, als er von einer Reise nach Washington zurückgekehrt war, wo er über Menschenrechtsverletzungen durch die kubanischen Behörden berichtet hatte. Selbst nach dem repressiven kubanischen Recht ist das „Verschwinden in der Haft“ ein Verstoß gegen das Gesetz.

Die „Unión Patriótica de Cuba“ ist wie alle anderen Organisationen der kubanischen Demokratie- und Bürgerrechtsbewegung staatlich nicht zugelassen. Alle Parteien – bis auf die seit mehr als 50 Jahren diktatorisch regierende Kommunistische Partei Kubas – sind verboten. Ebenso alle nicht-staatlichen Gewerkschaften, Medien und Menschenrechtsorganisationen.

Ohne Rücksicht auf sein Leben protestiert seit dem 20. Juli 2016 der kubanische Menschenrechtsverteidiger, Psychologe, Journalist und Sacharow-Preisträger des Jahres 2010, Guillermo Farinas, mit einem Hungerstreik gegen die Repressionen des Castro-Regimes. Flüssigkeit erhält der Bürgerrechtler nur über Infusionen, wenn er gegen seinen Willen in ein Krankenhaus eingeliefert wird, berichtet die IGFM. Der bereits durch zahlreiche vorhergehende Hungerstreiks geschwächte Farinas leide unter Ohnmachtsanfällen sowie an starken Nierenschmerzen, Spezialisten befürchteten ein baldiges Nierenversagen. Es bestehe Lebensgefahr. Der Bürgerrechtler Jorge Luis Artiles Montiel, ein enger Vertrauter und Sprecher von Farinas, erklärte gegenüber der IGFM, dass sich der Gesundheitszustand des Sacharow-Preisträgers rapide verschlechtere. Solange Farinas aber bei Bewusstsein sei, könne er nicht in ein Krankenhaus eingeliefert werden, weil er sich dagegen wehre. Eine solche Art des Protestierens bedeutet eine schwerwiegende Gefährdung des eigenen Lebens. Als der Bürgerrechtler jetzt am 5. August nach einer Ohnmacht in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, erhielt er eine Infusion, wurde aber noch am selben Tag wieder entlassen und setzte seinen Hungerstreik fort.

Der Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lessenthin, forderte Guillermo Farinas mittlerweile dringend auf, seinen Hungerstreik zu beenden. „Dem Sacharow-Preisträger ist es zu verdanken, dass 2010 und 2011 Hunderte politische Gefangene entlassen wurden. Er hat sich damit bereits in die kubanische Geschichte eingeschrieben. Nun braucht ihn die Bürgerrechtsbewegung lebend, er darf nicht enden wie die im Hungerstreik verstorbenen Bürgerrechtler Pedro Luis Boitel und Orlando Zapata Tamayo.“

Der verzweifelte Aufschrei von Guillermo Farinas droht ungehört zu verhallen. Europäische Touristen wollen den morbiden Charme Havannas erleben, wollen eine Insel im Wandel entdecken. Dabei hat sich nichts gewandelt, der äußere Schein trügt. Darüber kann auch der Longdrink mit Rum und Cola, der sich „Cuba Libre“ nennt, nicht hinwegtäuschen. Das freie Kuba gibt es – noch – nicht.

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