Keine Rendite, kein Interesse

Ebola in Westafrika: Forschung hätte viel früher vorangetrieben werden müssen. Von Michael Gregory

Hohe Ansteckungsgefahr erfordert maximale Sicherheitsvorkehrungen. Foto: dpa
Hohe Ansteckungsgefahr erfordert maximale Sicherheitsvorkehrungen. Foto: dpa

Monrovia/Hamburg (DT) Ebola – allein das Wort auszusprechen reicht, um Angst und Schrecken zu verbreiten. In Westafrika, wo die Seuche kaum noch unter Kontrolle zu bekommen ist und laut WHO bis zum 27. Juli 729 Todesopfer gefordert hat. Inzwischen aber auch bei uns. Die Aufregung war groß, als in dieser Woche bekannt wurde, dass der selbst an der Krankheit leidende, mittlerweile verstorbene Ebola-Arzt Sheik Umar Khan aus Sierra Leone am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf behandelt werden sollte. Die Medien, vor allem der Boulevard, zeichneten ein Schreckensszenario: Ebola nun auch in Deutschland? Es kam zum Medienhype, der zum einen dem Sommerloch, vor allem aber der Ratlosigkeit geschuldet ist, denn ein Mittel gegen die unheimliche Seuche gibt es nicht. Liberia hat nun seine Grenzen abgeriegelt und alle Schulen geschlossen, Sierra Leone den nationalen Notstand erklärt. Wie am Freitag bekannt wurde, will die WHO mit einem 100-Millionen-Dollar-Programm gegen Ebola vorgehen.

Worüber aber kaum berichtet wird, ist die Tatsache, dass die Forschung lange Zeit sträflich vernachlässigt wurde, wie sich jetzt zeigt, ein Präparat vielleicht längst hätte entwickelt werden können, wenn konsequent danach gesucht worden wäre. Das jedoch ist nicht geschehen, obwohl der aktuelle Ausbruch beileibe nicht die erste Ebola-Epidemie ist, die in Afrika grassiert. Erstmals auffällig wurde das Virus bereits vor fast 40 Jahren, 1976 im Kongo, dessen Fluss Ebola auch der Namensgeber des Virus wurde. Die Infektion befiel seinerzeit 318 Menschen, von denen 280 starben. Seitdem kommt es in Afrika immer wieder zu Epidemien des tödlichen Ebola-Fiebers. Bei dem bisher schwersten Ausbruch im Jahr 2001 starben knapp 1 000 Menschen.

Im Durchschnitt erreicht die Todesfallquote knapp 90 Prozent – was für einen Virus normalerweise „zu hoch“ ist. Denn viele der uns bekannten Viren haben sich im Laufe ihrer Entwicklung gut an den Menschen angepasst, indem sie ihn zwar krank machen, aber nicht sterben lassen, damit der Träger nicht als Verteiler der Viren-Gene ausscheidet. Die Ebola-Viren aber halten sich nicht an dieses „natürliche Gesetz“. Sie waren und sind tödlich.

Ebola-Infizierte leiden zunächst an Fieber, Muskelschmerzen und Durchfall, was auch bei vielen anderen Erkrankungen vorkommt und darum keine eindeutige Diagnose zulässt. Der letzte Nachweis, dass der Kranke an Ebola leidet, gelingt erst durch eine Laboruntersuchung von Urin, Speichel oder Blut. Im fortgeschrittenen Ebola-Stadium kommt es zu inneren Blutungen, Lähmungen, Kreislaufzusammenbrüchen und Organversagen. Fatal: Beim jüngsten Ausbruch des Ebola-Fiebers hat das Virus erstmals auch dicht besiedeltes Gebiet erreicht wie die Hauptstädte Conakry (Guinea) und Monrovia (Liberia). Frühere Epidemien hatten sich nach Angaben von WHO und Ärzte ohne Grenzen auf abgelegene Dörfer beschränkt, wo sich die Ausbreitung des Virus relativ leicht verhindern ließ.

Hauptüberträger von Ebola sind Affen und Fledermäuse, die in Zentralafrika gern als „Buschfleisch“ verzehrt werden. Von Mensch zu Mensch übertragen wird das Virus durch den Kontakt mit infizierten Körperflüssigkeiten. Vor allem infizierte Reisende tragen das Virus weiter. Die Regierung von Liberia hat darum inzwischen die Grenzen abgeriegelt, um das ganze Land unter Quarantäne zu stellen. Setzt erst das hämorrhagische Fieber (Ebola) ein, also Fieber mit Blutungen, steigt die Ansteckungsgefahr stark. Immer größere Sicherheitsvorkehrungen sind erforderlich. Doch die Umsetzung ist sehr schwierig, denn bei der Pflege von Patienten oder auch der Bestattung von Toten lässt sich naher Kontakt kaum vermeiden. Dies gilt besonders in afrikanischen Gesellschaften, in denen Körperkontakt und auch die Berührung der Verstorbenen von großer kultureller Bedeutung sind. Aus Angst, sich selbst mit dem Ebola-Fieber anzustecken, haben bereits viele medizinische Angestellte der Krankenhäuser in den Großstädten ihren Dienst verweigert.

Die hohe Sterberate bei Ebola begrenzt aber zugleich auch das Potenzial des Erregers, wie bei einer Grippe-Epidemie gleich zigtausende Menschen in kurzer Zeit zu befallen. Wirklich große Ebola-Epidemien mit vielen tausend Toten hat es trotz der Gefährlichkeit der Viren darum nicht gegeben und sind wohl auch nicht zu erwarten. Doch es gibt kaum ein qualvolleres Sterben als durch Ebola. „Wir wissen letztlich nicht, was zum Tod der Patienten führt“, sagt Professor Stefan Günther, Leiter der Virologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Intensivmedizinische Betreuung könne die Sterblichkeit nach einer Ebola-Infektion eventuell von 70 auf 50 oder 40 Prozent senken; gesichert sei das aber nicht, da zu wenig Erfahrungen vorlägen.

Zum Heiler statt zum Arzt: Das ist das größte Problem

Ebola, eine Erkrankung, die relativ wenige Menschen befällt und in den Industrieländern keine Rolle spielt – genau darin liegt wohl auch der Grund, warum die Infektion für die Wissenschaft bisher nicht sonderlich interessant war. Welcher Staat, welches Institut, welches Pharmaunternehmen investiert schon Gelder in die Erforschung einer Erkrankung, mit deren Heilung nur wenig Renommee und Rendite zu erzielen ist? Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel: Im Jahre 2010 entwickelten Forscher des US-Militärs ein Medikament, das sich an die Ribonukleinsäuren des Virus andockt und ihn dadurch an seiner Fortpflanzung hindert. Die Ribonukleinsäure ist Bestandteil eines Virus und trägt seine genetischen Informationen. An Affen zeigte der Wirkstoff bereits beachtliche Erfolge, immerhin 60 Prozent der infizierten Tiere konnten überleben. An einem anderen US-Institut wurde ein Antikörper entwickelt, der den Virus am Eindringen in seine Wirtszellen hindert. Doch beide Medikamente bedürfen noch der klinischen Überprüfung am Menschen.

Das größte Problem vor Ort bleibe weiterhin die Skepsis der Menschen gegenüber den Ärzten, sagte die Sprecherin des Roten Kreuzes in Afrika, Katherine Mueller, nach einem Besuch in Sierra Leone. Viele Menschen mit Ebola-Symptomen wendeten sich an traditionelle Heiler statt an die Gesundheitszentren. Sie trauen den fremden, mitunter in futuristisch aussehenden Schutzanzügen praktizierenden Medizinern nicht und beharren auf eigenen Behandlungsmethoden. Eine erkrankte Frau wurde von ihren Familienmitgliedern regelrecht aus dem Krankenhaus entführt, berichtet Ärzte ohne Grenzen. Die Europäische Union will jetzt zwei Millionen Euro mehr als bisher geplant für den Kampf gegen Ebola ausgeben. Damit beträgt die EU-Hilfe 3,9 Millionen Euro. Ein angemessener Betrag? Man kann nur hoffen, dass die wenigen erfolgsversprechenden Forschungsbemühungen möglichst bald zu konkreten Ergebnissen kommen.