Keine Liebesgrüße aus Moskau

Viele Kreml-Kritiker hatten auf einen Sieg von Clinton gehofft. Von Boris Reitschuster

Graffiti Trump küsst Putin
Putin und Trump: Liebe wird das nicht werden, ist man sich in Moskau sicher. Foto: dpa
Graffiti Trump küsst Putin
Putin und Trump: Liebe wird das nicht werden, ist man sich in Moskau sicher. Foto: dpa

Statt Krimsekt gab es nur vorsichtige Worte: Wladimir Putin war zwar einer der ersten Staatsmänner weltweit, der Donald Trump am Mittwoch zu seinem Wahlsieg gratulierte. Doch es waren keine Liebesgrüße aus Moskau – von Euphorie fehlte jede Spur: Er hoffe, dass es ihnen gemeinsam gelingen werde, die russisch-amerikanischen Beziehungen aus der Krise zu holen, so der Kreml-Chef – eine eher zurückhaltende Formulierung. Dass Putin nicht von „Zuversicht“ sprach oder von „Überzeugung“, war mit Sicherheit kein Zufall. Dabei hatte die russische Opposition große Hoffnungen auf einen Wahlsieg von Clinton gesetzt – gegen die Moskaus Medien im Wahlkampf wohl nicht von ungefähr massiv gehetzt hatten. Clinton hätte als Präsidentin Russland zum außenpolitischen Hauptthema gemacht und sich den Kreml-Chef vorgeknöpft – so zumindest war es hinter den Kulissen auf der großen Konferenz der Kreml-Gegner in Vilnius im Oktober zu hören. In der Tat hatte Clinton schon im Wahlkampf massiv auf das Thema Putin gesetzt und hätte wohl auch als Staatsoberhaupt entsprechende Weichen gestellt. Entsprechende Ängste herrschten denn auch in Moskau – und hinter den Kulissen war dort Erleichterung zu spüren, dass Trump das Rennen gemacht hat. Mit dem Geschäftsmann, so die Hoffnung im Kreml, könne man anders als mit Obama die Interessenssphären zwischen Moskau und Washington auf der Landkarte abstecken. Kritiker fürchten gar schon ein „Jalta 2“ – in Anspielung auf die Konferenz in dem Kurort auf der Krim, auf der Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin im Februar 1945 die Aufteilung Europas einleiteten. Unter Trump würde auch die Rolle der NATO massiv sinken, so die Ansicht bei vielen Politikern und Militärs in Russland. Zu solchen Hoffnungen in Moskau passt, dass US-Behörden Russland vorwarfen, es habe Einfluss auf den US-Wahlkampf genommen. Beispielsweise durch die Hacker-Angriffe auf die Computersysteme der Demokraten. Informationen, die so an die Öffentlichkeit gerieten, schadeten Clinton und ihrer Partei massiv. Die gescheiterte Präsidentschafts-Kandidatin ging im Wahlkampf gar so weit, Trump als „Marionette Putins“ zu bezeichnen.

Tatsächlich hatte sich der jetzt gewählte Präsident vor den Wahlen mehrfach positiv zu Putin geäußert. Er adelte ihn als „großen Anführer“, der „sehr starke Kontrolle über sein Land“ habe und Barak Obama an Führungskraft weit überlegen sei. Zudem bot Trump Putin vor der Wahl öffentlichkeitswirksam die Friedenspfeife an: „Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass Russland und die Vereinigten Staaten im Kampf gegen Terrorismus und für den Weltfrieden gut zusammenarbeiten können – ganz zu schweigen von wirtschaftlichen und anderen Vorteilen, die aus gegenseitigem Respekt resultieren.“

Warum nach Trumps Triumph dennoch eine gewisse Skepsis blieb in Moskau, machte Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew bei einem Auftritt vor Unternehmern in Österreich klar: „Ich erinnere mich daran, wie es vor acht Jahren große Hoffnungen gab, als Barak Obama zum Präsidenten gewählt wurde.“ Damals hätten viele von einem Neuanfang in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington gesprochen, es habe sogar Schritte in diese Richtung gegeben, zitiert die Internetzeitung lenta.ru den Minister: „Leider haben wir kein sehr gutes Ergebnis erzielt. Deshalb denke ich, wir sollten vorsichtig sein in der Beurteilung; vieles müssen wir erst noch abklären.“

Ob von Trumps Liebesgrüßen nach Moskau wirklich viel zu halten ist, bezweifeln Moskauer Intellektuelle wie Wladimir Wojnowitsch, einer der bekanntesten Schriftsteller, der nach seiner Ausbürgerung aus der Sowjetunion jahrelang im Exil in München lebte. „Ich denke, für Putin ist Trump als Präsident nicht besser als Clinton. Wir wissen ja, dass der Mann sein Wort nicht hält“, mahnt der Bestseller-Autor: „Und ich denke, er wird auch seine Versprechungen an Putin aus dem Wahlkampf nicht halten.“ Auch der frühere Vize-Regierungschef von Russland, Alfred Reingoldowitsch Koch, warnt: Trump gar sei nicht so putinfreundlich, wie er auf den ersten Blick scheine. Zum einen sei der künftige Präsident auf die Zusammenarbeit mit der republikanischen Mehrheit im Kongress angewiesen – die Partei, die weitaus kritischer gegenüber Putin sei als Clintons Demokraten. Zum anderen sei Trump als Geschäftsmann daran gewöhnt, dass Verabredungen eingehalten werden: „Aber Putin bricht ständig Vereinbarungen, und wenn er das mit Trump tut, was unausweichlich ist, wird der sehr hart reagieren“, glaubt der frühere Vize-Regierungschef. Seine Überzeugung: Es sei deshalb unausweichlich, dass es zum Streit kommt zwischen den beiden mächtigsten Männern der Welt.

Erfreulicher für Putin sieht dagegen der frühere Vize-Gasminister Wladimir Milow Trumps Wahlsieg: Der Milliardär werde zwar des Friedens mit seiner eigenen Partei zuliebe so tun, als betreibe er „eine harte Linie“ gegenüber Moskau. Deshalb werde er auch einige Sanktionen wie den Magnitskij-Akt gegen korrupte russische Staatsbeamte weiter in Kraft lassen, so Milow, der zur russischen Opposition gewechselt ist. Die für Moskau besonders schwerwiegenden Sanktionen, insbesondere auf dem Finanzmarkt, werde Trump aber aufheben. Putin werde „insgesamt sehr zufrieden sein“, glaubt Milow. Russland werde unter Trump nicht im Fokus der US-Politik stehen: Washington werde darauf hinarbeiten, taktisch an verschiedenen außenpolitischen Fronten mit Putin zusammenzuarbeiten: „Wie mit Erdogan, ohne besondere Liebe, mit einem Nichtangriffs-Pakt.“ Der Kreml-Kritiker mahnt: „Die USA haben einen gewaltigen Schritt auf dem Weg zur Abschaffung ihrer globalen Führungsrolle gemacht. Jetzt liegt die ganze Hoffnung auf Europa.“