Keine Alternative, dafür gefährlich

IPS-Zellen können embryonale Stammzellen nicht ersetzen, sind ethisch aber ähnlich problematisch

„Klappern“, weiß der Volksmund, „gehört zum Handwerk“. Bisweilen fällt das Geklappere so ohrenbetäubend aus, dass es alles andere – einschließlich die Stimme der Vernunft, die eine unaufdringliche Tonart bevorzugt – übertönt. Haben die Handwerker aber erst einmal genügend Aufträge eingefahren, schwillt das enervierende Geklappere ab. Mit der Zeit wird dann auch die Stimme der Vernunft wieder vernehmbar. Nirgendwo wird dies so deutlich wie auf dem Gebiet der Stammzellforschung, wo die Bio-Blendwerker ihren Werbefeldzug vorerst eingestellt haben und sich nun ganz darauf konzentrieren, menschlichen Embryonen und aus humanen Körperzellen reprogrammierten Zellen in ihren Labors auf den Leib zu rücken, als ginge es darum, x-beliebige Werkstücke zu fertigen.

Richtig voran kommen sie dabei allerdings nicht. Der Grund: Während humane embryonale Stammzellen außerhalb des Embryos (der bei ihrer Entnahme zerstört wird) zu Tumoren entarten, was embryonale Stammzellen auch dann für eine Therapie beim Menschen ungeeignet macht, wenn man die Ansicht vertritt, man könne von dem Verbot, unschuldige menschliche Lebewesen zu töten, auch schon einmal eine Ausnahme machen, erweisen sich die fälschlicherweise immer noch vielerorts als „ethische Alternative“ gehandelten sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (IPS-Zellen) aus anderen Gründen als wenig geeignet für eine Therapie.

Wie Wissenschaftler um den Stammzellforscher Su-Chun-Zhang vom Waisman-Center der University of Wisconsin-Madison in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ schreiben, gebe es noch eine Reihe von Hürden zu nehmen, bevor IPS-Zellen für die Anwendung beim Menschen in Frage kämen. Für ihre Studie verglichen die Forscher fünf Stammzelllinien, die aus getöteten menschlichen Embryonen gezüchtet wurden, mit 12 Linien induzierter pluripotenter Stammzellen, die nach unterschiedlichen Verfahren aus humanen Körperzellen reprogrammiert worden waren. Ergebnis: Die embryonalen Stammzellen ließen sich häufiger und zielsicherer in die beiden angestrebten Typen von Hirnzellen verwandeln, als die IPS-Zellen. Die Forscher erzeugten jeweils Gliazellen und funktionstüchtig erscheinende Neuronen. Während sich die embryonalen Stammzellen zu einem hohen Prozentsatz in die angestrebten Zellarten differenzieren ließen, war die Erfolgsquote bei den IPS-Zellen deutlich geringer. Außerdem schwankte die Effizienz des Umwandlungsprozesses bei den IPS-Zellen je nach Zelllinie noch einmal erheblich. Dabei hatten die Forscher dafür Sorge getragen, dass sowohl der zeitliche Ablauf als auch die Stufen der Zell-Manipulation in allen Fällen nahezu identisch erfolgten.

Die naheliegende Vermutung, dass die Ursache für das wesentlich schlechtere Abschneiden der IPS-Zellen, bei den zur Reprogrammierung von Körperzellen benötigten, zuvor eingeschleusten Genen zu suchen war, bestätigte sich nicht. Wie die Forscher zeigen konnten, spielte es keine Rolle, ob die in Ursprungszellen eingeschleusten Gene in deren Genom eingebaut wurden oder nur vorübergehend als separates Plasmid in die Zellen eingebracht wurden. Auch das unterschiedliche Ausgangsmaterial der IPS-Zellen war bedeutungslos. Die Ergebnisse war die gleichen, ob die Forscher nun mit IPS-Zellen arbeiteten, die zuvor aus den Hautzellen von Erwachsenen reprogrammiert worden waren oder mit solchen, für die ursprünglich Lungenzellen eines neugeborenen Kindes manipuliert worden waren.

Dass die Stammzellforscher angesichts der ernüchternden Ergebnisse der Anfang dieser Woche publizierten Studie nun die Finger von den IPS-Zellen lassen werden, ist wenig wahrscheinlich. Denn wie das „Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie Testbiotech“ und die Initiative „Kein Patent auf Leben!“ herausgefunden haben wollen, seien allein in den vergangenen zwei Jahren rund 40 Patentanträge gestellt worden, die sich um Verfahren zur Herstellung von IPS-Zellen drehen. Ein Umstand, der trotz des schlechten Abschneidens der IPS-Zellen im Stammzellvergleich Anlass zu Besorgnis geben muss.

Denn IPS-Zellen sind – anderslautenden Beteuerungen zum Trotz – alles andere als ethisch unproblematisch. Hauptgrund: Im vergangenen Jahr zeigten Forscher in mehreren Publikationen, dass IPS-Zellen auch verwendet werden können, um lebensfähige Klone zu erzeugen. Bei der Maus ist ihnen das bereits mehrfach gelungen. Die Experten von Testbiotech halten es für „sehr wahrscheinlich“, dass das, „was vorerst zumindest bei der Maus gelang, ebenso beim Menschen möglich wäre“.

„Wir stehen vor völlig neuen Fragen. Bisher ging es darum, ob menschliche Embryonen zerstört werden dürfen, um Stammzellen herzustellen. Jetzt muss man diskutieren, wie man verhindern kann, dass Stammzellen dazu verwendet werden, dass menschliche Embryonen künstlich hergestellt werden“, warnt Testbiotech-Geschäftsführer Christoph Then. „Zellen, die aus dem menschlichen Körper entnommen werden, bergen immer dann ein neues Potenzial zum Missbrauch, wenn aus ihnen IPS-Zellen hergestellt werden: In den so veränderten Zellen schlummert dann nicht nur eine Kopie der genetischen Anlagen des Spenders, sondern ein Potenzial zur Herstellung seines Klons.“ Es sei „völlig unklar“, wie das Patentamt mit derartigen Anträgen umgehen wird“, so Then, der es für möglich hält, dass dann auch „das Embryonenschutzgesetz verschärft“ werden müsse.

Klar ist bisher nur, dass man mit Patentanträgen auf Verfahren, die in gefälschten Studien publiziert wurden, keine Erlaubnis zur wirtschaftlichen Verwertung erhält. Zwar hat Mitte der Woche das Europäische Patentamt (EPA) in München ein von dem südkoreanischen Klonforscher Woo Suk Hwang mitbeantragtes Patent (EP 1711599) genehmigt. Von dem ursprünglich rund 50 Punkte umfassenden Antrag bewilligte das EPA jedoch nur einen einzigen, in dem die Herstellung von Nährflüssigkeiten für Zellkulturen beschrieben wird. Laut EPA-Sprecher Rainer Osterwalder habe Hwang sich beim EPA schon mehrfach Patente sichern wollen. „Herr Hwang hat auch bei uns mehrere Patente angemeldet, er hat kein einziges auf seine Klonierungsverfahren erhalten“, so Osterwalder. Vorsicht scheint dennoch geboten. Denn laut Testbiotech verweigerte das EPA Hwang die Erteilung dieser Ansprüche unter Verweis darauf, dass die im Patentantrag „beschriebenen Verfahren offensichtlich auf falschen Angaben beruhen“.