Kampf um Worte

Wer frühzeitig dominante Begriffe prägt, erringt in der Regel auch die Herrschaft über den biopolitischen Diskurs, meint der Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer. Von Stefan Rehder

Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer

Herr Professor Bauer, warum ist Ihrer Ansicht nach Biopolitik immer zugleich auch Sprachpolitik?

In der Biopolitik geht es darum, dass ethisch umstrittene Projekte der modernen Medizin und der Naturwissenschaften auch gegen gesellschaftlichen Widerstand verwirklicht werden sollen. Es kommt dann strategisch nicht zuletzt darauf an, die jeweiligen Vorhaben in der Öffentlichkeit möglichst positiv darzustellen. Dabei werden bestimmte Begriffe, die angenehme Assoziationen wecken, als wirkungsvolle kosmetische Hilfsmittel eingesetzt, während man die unerwünschten Aspekte des jeweiligen Themas nach Möglichkeit ausblendet. Wer frühzeitig die dominanten Begriffe prägt, der erringt in der Regel die Herrschaft über den biopolitischen Diskurs und hat gute Chancen, am Ende die Auseinandersetzung zu gewinnen beziehungsweise seine Ziele zu erreichen.

Können Sie das an Beispielen verdeutlichen?

Denken Sie etwa an den Themenkomplex der sogenannten Sterbehilfe. In Deutschland gibt es auf diesem Gebiet seit 1871 den Tatbestand der „Tötung auf Verlangen“ (§ 216 StGB), der mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bewehrt ist. Ethiker, Juristen und Politiker jedoch, die diese Handlungsweise in bestimmten Fällen für angemessen halten und sie daher gerne „entkriminalisieren“ wollen, sprechen stattdessen lieber von „aktiver Sterbehilfe“. Das klingt viel sympathischer, vor allem in den Ohren von Ärzten, die immer gerne helfen und die dabei grundsätzlich die Aktivität der Passivität vorziehen. Warum sollte man einen aktiven Helfer bestrafen? Das ist die Wirkung einer sedierenden Sprachpolitik, die das hässliche Wort „Tötung“ geschickt auszublenden versteht. Ähnlich verhält es sich, wenn man beim „Schwangerschaftsabbruch“ – ein Ausdruck, der ja schon seinerseits die damit verbundene Tötung eines Embryos oder eines Fötus kaschiert – scheinbar medizinisch nüchtern von der „Entfernung des Schwangerschaftsgewebes“ spricht, oder wenn Stammzellforscher den Embryo, den sie zu wissenschaftlichen Zwecken „verbrauchen“ wollen, als „Zellhaufen“ bezeichnen. Dieser Ausdruck enthält bereits die gewünschte Lösung für das ethische Problem und macht eine inhaltliche Argumentation scheinbar überflüssig: Ein „Zellhaufen“ kann schließlich nicht Träger von Menschenwürde sein.

Heißt das, es gibt überhaupt kein ideologiefreies Sprechen über Phänomene wie den menschlichen „Embryo“ oder kontrovers diskutierte Handlungen wie „Abtreibung“ und „Euthanasie“?

Bei bioethischen Fragestellungen überlagern oder verflechten sich, wie der von mir besonders geschätzte amerikanische Philosoph John R. Searle (*1932) sagen würde, natürliche Tatsachen, also die Beschreibung physischer Sachverhalte, und institutionelle Tatsachen, in diesem Fall moralische Bewertungen, grundsätzlich in einer kaum zu entwirrenden Art und Weise. Unsere Begriffe enthalten gleichsam immer schon jene normative „Richtungsangabe“, die wir dem jeweiligen Phänomen in ethischer oder biopolitischer Hinsicht zuweisen wollen. Aus diesem erkenntnistheoretischen Dilemma kommen wir eigentlich gar nicht heraus. Genau aus diesem Grund faszinieren mich die sprachphilosophischen Grundlagen der Ethik seit vielen Jahren ganz besonders. Im profanen biopolitischen Alltag kommen mir diese spannenden metaethischen Fragestellungen in aller Regel zu kurz.

Wenn Menschen sich selbst töten, sprechen manche vom „Freitod“, andere vom „Selbstmord“. Dass hier in beiden Fällen Sprachpolitik gemacht wird, ist ziemlich offensichtlich. Zeigt aber nicht die inzwischen recht häufig gebrauchte Rede vom „Suizid“, dass es auch eine Weise gibt, über Phänomene zu sprechen, die auf Sprachpolitik weitgehend verzichtet?

Zunächst einmal ist „Suizid“ nichts anderes als die lateinische Version des „Selbstmords“. Aber das fremdsprachliche Lehnwort erscheint uns aufgrund des bei uns derzeit herrschenden Sprachgebrauchs auf den ersten Blick neutraler als die vorhandenen deutschen Begriffe. Gleichwohl wird derjenige, der vom „Freitod“ spricht, den Begriff „Suizid“ nach Möglichkeit vermeiden, denn die heroische Vorstellung eines Freiheitshelden will sich nicht so recht einstellen, wenn man den Betreffenden als „suizidgefährdet“ oder als „Suizidenten“ bezeichnet. Eine negative Konnotation haftet dem Ausdruck nun einmal an, man vermeidet lediglich – aber immerhin – die Unterstellung, es handele sich um einen „Mörder“, wo es doch in Wahrheit immer um eine menschliche Tragödie geht.

Suizid kann auch schlicht mit „Selbsttötung“ übersetzt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention bittet Journalisten in ihrem Medien-Leidfaden daher auch, anstatt von „Freitod“ und „Selbstmord“ von „Suizid“ oder „Selbsttötung“ zu sprechen. Sie überzeugt das nicht?

Ich selbst benutze auch häufig die Termini „Suizid“ oder „Selbsttötung“, damit der Begriff „Mord“, der niedere Beweggründe und Heimtücke in der Ausführung impliziert, vermieden werden kann. Doch bleibt auch die „Tötung“ immer eine negativ konnotierte Handlung. Sollte es das wahre Ziel dieser Umbenennung sein, die Selbsttötung als neutral oder gar als positiv erscheinen zu lassen, dann sähe ich darin einen weiteren Beleg für subtile sprachpolitische Manipulation.

Müsste man nicht sagen, anstatt von der „humanen embryonalen Stammzellforschung“ zu sprechen, wäre es zumindest zutreffender, weil deutlich weniger unbestimmt, von einer „menschliche Embryonen verbrauchenden Forschung“ zu sprechen?

Das wäre eine exaktere Beschreibung der natürlichen Tatsachen. Oft spricht man ja von „Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen“, doch auch dabei wird unterschlagen, dass die Gewinnung der embryonalen Stammzellen die Zerstörung menschlicher Embryonen voraussetzt. Die unangenehmen Aspekte der Prozedur werden terminologisch weggezaubert, indem man sie einfach beschweigt. „Human“ im alltäglichen Sprachgebrauch ist diese Forschung keinesfalls, und bislang haben sich embryonale Stammzellen immer noch in erster Linie als das erwiesen, was wir schon vor 16 Jahren befürchtet und prognostiziert haben: Es handelt sich um sehr potente Krebszellen, aber nicht um Heilmittel für schwere chronische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose. Alle diese Versprechungen waren haltlos, und das war bereits 2002 absehbar. Doch die Forscher haben damals das Stammzellgesetz erzwungen, mit dem dann, wie es Bundespräsident Johannes Rau (1931–2006) schon in seiner Berliner Rede vom 18. Mai 2001 hellsichtig ausgedrückt hat, der „ethische Rubikon“ definitiv überschritten worden ist. Ich könnte es auch mit dem Schlusssatz aus Franz Kafkas (1883–1924) im Jahre 1917 entstandener Erzählung „Ein Landarzt“ so formulieren: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“

Viele, die mit menschlichen Embryonen forschen, manipulieren diese inzwischen zunächst so, dass sie nicht mehr überlebensfähig sind und bezeichnen sie dann als „Artefakte“, mit denen man tun und lassen könne, was man wolle, weil Menschenwürde derart künstlichen Gebilden nicht zukäme. Verschleiert der Begriff „Artefakt“, dass hier ein menschlicher Embryo, dem nach Ansicht vieler Menschenwürde zukommt, in einer Weise manipuliert wurde, die einer solchen Ansicht widerspricht?

Wenn man einen menschlichen Embryo biotechnologisch gezielt so manipuliert, dass er nicht mehr überlebensfähig wäre, damit man ihm anschließend Menschenwürde und Schutzanspruch verweigern und ihn zum reinen Forschungsobjekt degradieren kann, dann hat man die Würde des Menschen doch gerade durch diese Handlung, durch diesen entwicklungsbiologischen „Trick“ beschädigt! Der Begriff des „Artefakts“ kann darüber nicht hinwegtäuschen. Übrigens gibt es im Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz andererseits immer öfter bioethische und juristische Diskussionen darüber, ob man in naher Zukunft nicht womöglich bestimmten „Artefakten“, etwa einem intelligenten Roboter, Menschenwürde und Menschenrechte zubilligen müsste. Wir werden uns in absehbarer Zeit mit der Frage beschäftigen müssen, ob die Würde des Menschen als metaphysisch objektive Eigenschaft künftig weiterhin an die Biologie unserer Spezies oder bloß noch an die intellektuelle Leistungsfähigkeit eines Artefakts geknüpft werden soll. Als Mediziner habe ich zu diesem Problem womöglich bereits intuitiv eine ganz andere Einstellung als ein Informatiker oder ein Techniker, der sich mit der Optimierung künstlicher Intelligenz befasst.

Sie waren von 2008 bis 2012 auch Mitglied des Deutschen Ethikrates, jenem interdisziplinär zusammengesetzten Expertengremium, das Bundesregierung und Parlament in bioethischen Fragen berät. Wurde dort um Begriffe gerungen? Wie wurde dort eine Einigung erzielt?

Wir haben im Deutschen Ethikrat nach meiner Erinnerung eigentlich nie eine systematische begriffskritische und sprachanalytische Debatte geführt. Das ist, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, eigentlich überraschend und vielleicht sogar bedauerlich. Meistens haben wir unseren inhaltlich nach Mehrheits- und Minderheitsvotum divergierenden ethischen Stellungnahmen einen deskriptiven naturwissenschaftlichen und juristischen Teil vorangestellt, der den „Status quo“ beschreiben sollte. Wenn man es genauer betrachtet, wird man rückblickend sagen müssen, dass auch diese scheinbar nur beschreibenden Passagen mit hoher Wahrscheinlichkeit sprachpolitische Vorentscheidungen enthalten, die wir nicht bis ins letzte Detail analytisch durchdrungen haben. So gesehen wäre eine sprachphilosophische und begriffskritische Untersuchung der Stellungnahmen des Deutschen Ethikrates sicherlich ein Thema für eine Doktorarbeit. Sie haben mich durch Ihre Frage da gerade auf eine gute Idee gebracht.