Kampf um Mugabes Erbe

Simbabwe: In der Partei des Diktators streiten Flügel um die Vorherrschaft. Von Michael Gregory

Seit 35 Jahren an der Macht: Simbabwes Diktator Robert Mugabe. Foto: dpa
Seit 35 Jahren an der Macht: Simbabwes Diktator Robert Mugabe. Foto: dpa

Im südafrikanischen Binnenstaat Simbabwe ist der Kampf um die Nachfolge von Staatspräsident Robert Mugabe voll entbrannt. Mugabe, seit 35 Jahren ununterbrochen an der Macht, will es noch einmal wissen und ließ sich vom Parteitag seiner Partei Zanu PF zum Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl 2018 aufstellen. Er wäre dann 94 Jahre alt. Doch es regt sich Widerstand. Verschiedene Flügel kämpfen um die Vorherrschaft – ein Machtkampf, der schon seit Jahren schwelt, aber noch nie so offen ausgetragen wurde wie jetzt.

Drei Protagonisten stehen in den Startlöchern, um den Greis zu beerben, der gesundheitlich angeschlagen, aber immer noch fit genug ist, um hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Die besten Karten hat derzeit der frühere Justizminister Emmerson Mnangagwa, der sich in seiner Heimat den wenig schmeichelhaften Beinamen „Krokodil“ erworben hat und mit 76 Jahren ebenfalls zur alten Garde zählt. Seinen Spitznamen erhielt der Hardliner wegen seines kompromisslosen Vorgehens in der Partei: Jeder potenzielle Gegner Mugabes wurde von Mnangagwa kaltgestellt. Mugabe dankte es seinem Ausputzer jetzt mit dem Job des Vize-Präsidenten.

Protagonistin Nummer zwei: Mugabes bisherige Stellvertreterin Joyce Mujuru (59), ebenfalls eine frühere Befreiungskämpferin. Vielen Simbabwern gilt Mujuru wegen ihrer volkstümlichen Art und untadeligen Vergangenheit als aussichtsreiche Nachfolgerin Mugabes. Es ist wohl diese Popularität, die ihr nun zum politischen Verhängnis wurde. Neben acht weiteren Ministern wurde Mujuru von Mugabe gefeuert. Angeblich hatten sie geplant, ihn zu stürzen. Hauptanklägerin: Mugabes Ehefrau Grace (49), zugleich Protagonistin Nummer drei. Sie hatte wochenlang gegen Mujuru gehetzt, ihr vorgeworfen, korrupt zu sein und Pläne zu schmieden, den Präsidenten ermorden zu lassen.

Dabei ist es kein Geheimnis, dass Grace Mugabe selbst damit liebäugelt, die Spitze des Staates zu erklimmen. Doch im Gegensatz zu Mujuru, der viele ein Comeback zutrauen, wenn die Macht tatsächlich neu vergeben wird, ist es mit Grace Mugabes öffentlichem Ansehen nicht gut bestellt. Die First Lady wird wegen ihrer Vorliebe für exklusive Einkaufstouren als „First Shopper“ verhöhnt. Jetzt ist Mugabes ehemalige Sekretärin ohne jede politische Erfahrung auf den Chefposten der einflussreichen ZANU-PF-Frauenliga gehievt worden. Dass Grace Mugabe Ambitionen hat, die sie auch knallhart verfolgt, hat sie mit ihrer erfolgreichen Hetzkampagne gegen Mujuru bewiesen. Viele Simbabwer fürchten schon eine Mugabe-Dynastie auf sich zukommen – was Joy Mabhenge von der „Crisis in Zimbabwe Coalition“ für eher unwahrscheinlich hält. „So weit oben“, so Mabhenge, werde Grace Mugabe nicht sein, „aber vielleicht doch nah dran. Ich denke, ihre Aufgabe ist es, die Familien-Interessen durch politische Teilhabe zu wahren. Ich glaube nicht, dass sie sich mit dem Posten der Frauenliga-Chefin zufriedengeben wird. Sie zielt definitiv höher. Vielleicht wird sie Vize-Präsidentin“, sagte er dem Deutschlandfunk.

Derweil darbt das Volk. Viele der rund elf Millionen Menschen leiden Hunger angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise in Simbabwe. Junge Leute, oft mit guter Schul- und Berufsausbildung, etwa im Gesundheitswesen, fliehen in Scharen, entweder ins benachbarte Südafrika oder gleich nach Großbritannien, der früheren Kolonialmacht. Dort sind die Simbabwer vielfach willkommen, weil sie helfen, den vom demografischen Wandel in Europa ausgelösten Fachkräftemangel zu lindern, der sich gerade im Gesundheitssystem und in der Pflege alter Menschen bemerkbar macht. Zur Lage in Simbabwe sagt der angesehene simbabwische Publizist Oskar Wermter SJ im Gespräch mit der Tagespost: „Die politische Klasse kümmert sich wenig um wirtschaftliche Gesundung. Sie bekämpfen einander. Es geht um politische Macht, Parteiposten und die Führung des Landes, da ein Machtwechsel nahe zu sein scheint.“ Wermter gehört zu den verbliebenen deutschstämmigen Jesuiten, die ab den fünfziger Jahren als Missionare ins damalige Süd-Rhodesien entsandt wurden. Über die Missionsprokur der Jesuiten in Nürnberg halten sie weiterhin Kontakt zur deutschen Kirche (www.jesuitenmission.de).

Nach Einschätzung Wermters, der in der Bischofskonferenz für das südliche Afrika von Harare aus den Aufgabenbereich Pastoralarbeit leitet, bedarf es einer „grundlegenden Erneuerung“ der simbabwischen Gesellschaft, die nach fast 35 Jahren diktatorischer Regierungsführung eine Art Neustart benötige. So müssten Wert und Bedeutung menschlicher Arbeit neu entdeckt werden, ohne die keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung möglich sei. „Das Land braucht schöpferische, mutige, risikobereite Männer und Frauen, die durch ihre Initiativen die zerfallene, verrottete Wirtschaft wieder aufbauen.“ An einem solchen Geist mangele es. Überdies müssten christliche Ehe und Familie als Keimzelle der Gesellschaft gestärkt werden. Wermter: „Eine christliche Ehe ohne Glauben wird scheitern. Die jungen Leute wollen Familie, denn sie steht im Mittelpunkt afrikanischer Kultur und ist doch von der gegenwärtigen Völkerwanderung – über das Mittelmeer nach Europa oder zum industrialisierten Südafrika – bedroht.“