Jubel und Empörung

Die Entscheidung des Papstes, die Todesstrafe zu ächten und den Katechismus entsprechend zu ändern, macht die Traditionalisten nervös. Von Guido Host

Die einen jubeln, die anderen sind empört: Die Entscheidung von Papst Franziskus, die Todesstrafe endgültig zu ächten und dementsprechend den Katechismus der Katholischen Kirche zu ändern, hat wie zu erwarten für unterschiedliche Reaktionen gesorgt. In dem Brief an den Weltepiskopat vom 1. August, in dem Glaubenspräfekt Kardinal Luis Ladaria diesen Schritt erklärt, heißt es, dass die neue Formulierung von Nummer 2 267 des Katechismus „auf der Linie des vorausgehenden Lehramts liegt“ und damit „eine konsequente Entwicklung der katholische Lehre“ weiterführe. Das beunruhigt konservative Katholiken und natürlich die Traditionalisten: Wenn man die Fortentwicklung des katholischen Glaubensguts so interpretiere, könne man alles ändern und das, was früher erlaubt war, heute für unzulässig erklären – und umgekehrt. Die neugefasste Nummer 2 267 des Katechismus der Katholischen Kirche spricht davon, dass es heute „ein wachsendes Bewusstsein“ gebe, dass die Würde der Person auch dann nicht verloren gehe, wenn jemand schwerste Verbrechen begangen habe. Auch habe „sich ein neues Verständnis vom Sinn der Strafsanktionen durch den Staat verbreitet“. Und schließlich gebe es heute wirksamere Haftsysteme. Wachsendes Bewusstein, neues Verständnis, wirksamere Systeme – das sind für traditionell denkende Katholiken alles keine Gründe, Lehrsätze des Katechismus zu ändern.

In der überwiegenden Mehrheit befinden sich aber jene, die die Entscheidung des Papstes begrüßen. Schon im März 2015 hatte sich Franziskus in einem Brief an die Internationale Kommission gegen die Todesstrafe überzeugt gezeigt, dass auch ein Mörder seine Personenwürde nicht verliere. Zum 25. Jahrestag des Inkrafttretens des Katechismus im Oktober 2017 plädierte er deshalb für eine bedingungslose Verurteilung der Todesstrafe. Ein langer Weg geht damit zu Ende. Von den Schriften des Alten und Neuen Testaments, die die Todesstrafe kennen – und von Jesus Christus oder den Autoren der Bücher des Neuen Testaments kein Wort dagegen – über die Zeit, in der die Christen, etwa im Kirchenstaat, diese selber vollstreckten, bis in das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert, in denen sich die Päpste und manche Theologen immer mehr von ihr distanzierten.

Zuletzt, vor der Änderung durch Franziskus, räumte der Katechismus der katholischen Kirche dieser Form der Höchststrafe noch ein Existenzrecht ein, „wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen“. Außerdem müsse sichergestellt sein, dass die Tat auch wirklich dem Verurteilten zugeschrieben werden könne. Damit gab es zwar praktisch so gut wie keinen Fall mehr, in dem die Todesstrafe aus kirchlicher Sicht zulässig wäre. Die nötigen Voraussetzungen trafen nur noch auf Notwehrsituationen zu. Absolut ausgeschlossen wurde die Todesstrafe jedoch nicht – und das hat sich jetzt geändert.

Die Todesstrafe schloss die Möglichkeit aus, dass jemand, der ein sehr schweres Verbrechen begangen hat, sich in der langen Zeit der Haft bekehrt, seine Sünde bereut und freiwillig vor Gott um Vergebung bittet. Darum lehnten auch bisher schon die meisten Katholiken die Todesstrafe ab. Ob sich die Regierenden der 56 Staaten in der Welt, in denen die Todesstrafe noch vollstreckt werden kann, von der Entscheidung des Papstes beeindrucken lassen und entsprechende Konsequenzen ziehen, ist eher nicht zu erwarten. Aber für den kulturellen Prozess, der seit Jahrzehnten die Zahl der Todesurteile weltweit zurückgehen lässt, ist die Änderung des Katechismus in dieser Frage ein zusätzlicher Katalysator. Diesen Schritt jetzt zu gehen, mag für den Papst auch den Grund haben, von den dunklen Kapiteln der Missbrauchsskandale abzulenken, die zurzeit an vielen Orten wie dräuende und giftige Wolken über der Kirche hängen.