Politik

Jesus statt Fußballgott

Manche Fußballer machen offensiv auf ihren christlichen Glauben aufmerksam. Von Stefan Meetschen

Rio 2016 - Fußball
Bedankt sich nach dem Olympiasieg für göttlichen Beistand: Brasilians Fußball-Wunderkind Neymar. Foto: Soeren Stache (dpa)

Von ihren Fans werden sie wie Götter verehrt – die besten Fußballer der Welt: Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Robert Lewandowski. Um nur drei Beispiele aus dem aktuellen Olymp zu nennen. Es ist ein Kult wider besseres Wissen. Denn eigentlich sollte sich herumgesprochen haben, dass auch die größten Fußballhelden keine Götter, sondern Menschen mit Schwächen und Fehlern sind. Irdische Gefäße. Schon während der aktiven Karriere und – manchmal leichter zu erkennen – danach. Im wahren Leben.

Beispiele gefällig? Nun: Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus sind bekanntlich schon lange keine Lichtgestalten mehr. Michel Platini, der bei der UEFA wegen krummer Geschäfte rausflog, Ronaldinho, der eine kuriose Doppelhochzeit plant, Zlatan Ibrahimovic, der die WM 2018 plant, obwohl der schwedische Coach ihn gar nicht im Kader hat, ebenso wenig. Und Diego Maradona galt trotz seines geschickten „Hand Gottes“-Timings und überragender technischer Fähigkeiten auf dem Platz eigentlich nie als besonders erleuchtet. Zuviel Drogen, zu viele Frauen, zu viel Übergewicht. Den Hype haben diese Mega-Stars trotzdem genossen und kommerziell ausgeschöpft. Und manchmal wohl auch geglaubt, dass sie zum Abheben besonders berechtigt seien.

Umso bemerkenswerter sind die Fußballer, die schon in jungen Jahren inmitten des überdrehten Erfolgs- und Medienwirbels nach Höherem greifen, als nur nach glänzenden, aber letztlich ziemlich schnell vergänglichen Pokalen und Titeln, nach Auszeichnungen und Ehren, die zwar im kollektiven Gedächtnis der Fans erhalten bleiben, auf welchen sich aber doch relativ schnell die Motten der Wehmut und Nostalgie niederlassen.

Solche Spieler, die nach Höherem streben, die mehr wollen als nur „das größte Auto und das dickste Bankkonto“ (Heiko Herrlich), die den wahren Himmel suchen – sie sind auch bei der in einer Woche beginnenden Fußballweltmeisterschaft in Russland dabei. Spieler, die trotz Ehrgeiz und überragender Fähigkeiten wissen, dass Jesus Christus der wahre Champion ist, der wahre Held, dessen Opfer am Kreuz jedes Dribbling und Fallrückziehertor um Längen schlägt.

Einer dieser Spieler ist sicherlich der Torhüter Keylor Navas, der mit seinem Heimatland Costa Rica auf ein gutes Abschneiden bei der WM 2018 hofft. Vor vier Jahren in Brasilien lief es für die Außenseiter ziemlich gut. Fast wären sie in das Halbfinale gekommen. Navas, der aus einfachen Verhältnissen stammt, weiß aber, dass das Abschneiden bei einem Fußballturnier nicht das Wichtigste ist. „In den unterschiedlichen Phasen meines Lebens habe ich immer einen unwahrscheinlichen Glauben gehabt, unabhängig der Umstände. Der Glaube war für mich immer das Wichtigste. Ich glaube uneingeschränkt an Jesus, an Gott, dass er existiert, und das hat mir immer geholfen, zu vertrauen, dass Gott alles machen kann“, sagt der 32-Jährige, der normalerweise sein Können Woche für Woche bei Spielen für Real Madrid in der spanischen Fußballliga zeigt. Auch seinen Glauben versteckt Navas dabei nicht. Vor jedem Spiel geht er auf die Knie und betet. „Ich spreche mit Gott und bitte ihn um seinen Beistand und seine Hilfe. Alles, was ich sage und tue, soll zu seiner Ehre geschehen. Im Tor bitte ich ihn, dass er Engel links und rechts an meine Seite stellt, an jeden Pfosten einen, und auch einen hinter mich, so dass alles gutgeht.“ Wobei der eifrige Bibelleser natürlich weiß, dass man Gott und Jesus nicht auf das Niveau eines irdischen Matchwinners reduzieren darf. Auch mit Häme und Kritik geht er laut „Pur magazin“ gelassen um: „Viele beschimpfen mich, wenn sie mich auf Knien sehen, und sagen mir, dass Gott nicht existiert. Aber ich werde einfach in jedem Stadion weiter beten.“

Dies tut auch Javier Hernandez, der für Mexiko durch die russischen Stadien stürmen wird – auch nicht, ohne vorher auf den Knien gebetet zu haben. „Es ist mein Ritual, um Gott zu danken, dass ich spielen darf“, sagt der 30-Jährige, der früher in Spanien und Deutschland spielte, mittlerweile aber in England bei „Westham United“ unter Vertrag steht, einmal der „Bild“-Zeitung. Nur zu. Am 17. Juni beim Spiel Deutschland-Mexiko wird auf der Gegenseite allerdings auch in friedlich-sportlicher Mission gebetet. Mario Gomez gilt als gläubig, Ex-Ministrant Thomas Müller ebenso. Joshua Kimmich weiß, wozu ihn sein Vorname verpflichtet; und Andre Schürrle (Kreuz) und Jerome Boateng (Jungfrau Maria, betende Hände, Kreuz, „Trust“, „Believe“) sind so etwas wie die Tätowierungs-Evangelisten der DFB-Auswahl, der Mannschaft. Bekenner mit Tattoos.

Auf visuelle Evangelisations-Akzente setzt auch der brasilianische Wunderspieler Neymar, der bei der WM in seinem Heimatland übel gefoult wurde und für den Rest des Turniers ausfiel. Die Enttäuschung hat der Spieler von Paris Saint-Germain vorbildlich weggesteckt. Weiß er doch: „Der Glaube ist weit mehr als ein Hoffnungsstrohhalm, wenn alles bachab geht. Der Glaube an Jesus ist das Fundament jeder Freude. Und der Anfang eines glücklichen Lebens.“ Wie Jesus.ch berichtet, hat sich der 26-Jährige inzwischen auf seine Beine den Satz „Möge Gott mich segnen und beschützen“ tätowieren lassen. Ein mobiles Zeugnis, das der Weltfußballverband FIFA wohl kaum retuschieren kann. Jedenfalls nicht bei einer Live-Übertragung. Wenn Neymar in der Vergangenheit bei Siegesfeiern sein weißes Stirnband mit der Aufschrift „100 % Jesus“ aufsetzte, griff man bei der FIFA allerdings schon mal zur Zensurschere. Toleranz und Respekt ja, klare religiöse Bekenntnisse nein – so lautet die Geschäftspolitik des Verbands. Dass das irgendwie ein Widerspruch in sich selbst ist, scheint noch niemandem aufgefallen zu sein. Nicht auszudenken, was passiert, wenn der evangelikale Christ Neymar mit Brasilien Weltmeister wird.

Falls allerdings Argentinien Weltmeister wird, steht eins auf jeden Fall fest: Superstar Lionel Messi wird zum Marienpilger werden. Zu Fuß will er dann die 50 Kilometer Entfernung von seinem Geburtsort Rosario bis zu dem Wallfahrtsort San Nicolas de los Arroyos, wo die Mutter Gottes 1983 erschienen sein soll, bewältigen. Ein fairer Deal, immerhin ist der 30-Jährige, der im vergangenen Jahr kirchlich geheiratet hat, durch das anspruchsvolle körperliche Training beim FC Barcelona und in der Nationalelf ziemlich fit. Da sollten 50 Kilometer für Maria kein Problem sein. Jedenfalls kein größeres Problem als der Vorwurf der Steuerhinterziehung, mit dem der Spitzenverdiener verschiedentlich für Irritationen sorgte. Messi ist eben doch keine Abkürzung von Messias. Was er selbst auch nie behauptet hat. Im Gegenteil. „Ich bin eigentlich ein ganz normaler, ruhiger, familiärer Typ. Ich habe keinen Talisman und kein Ritual. Das brauche ich alles nicht. Ich bin sehr gläubig, das reicht“, so wurde er früh zitiert („Was Promis glauben“). Oder: „Ich stehe jeden Morgen auf und danke Gott dafür, was ich erleben darf. Ich versuche, ein ganz normales Leben zu führen.“ Sprich: Auch als christlicher Fußballer darf man Fehler machen, aber man kann aus diesen Fehlern lernen, wenn man sich selbstkritisch prüft und Gott um Vergebung bittet.

Davon weiß auch Jerome Boateng ein Lied zu singen. Vor der Europameisterschaft 2012 in Polen wurde ihm eine Affäre mit einem Modell nachgesagt, später las man von Streitereien um Maklergebühren. Die Zeit vor der Weltmeisterschaft 2018 dürfte dem dauerverletzten Weltklasse-Verteidiger wie ein weiteres Läuterungsfeuer vorgekommen sein. Er selbst drückt es gegenüber der „Welt am Sonntag“ so aus: „Die vergangenen zwei Jahre waren alles andere als einfach, ich war mehrfach schwerer verletzt und konnte wochenlang nicht trainieren und spielen. Gerade die Phase nach meiner Schulteroperation war sehr schwierig. Mein Körper war nicht mehr so, wie ich ihn kannte. Ich habe auch Fehler gemacht und zu früh wieder angefangen.“ Und: „... als Fußballer willst du einfach schnell wieder dabei sein und der Mannschaft helfen. Dann ist wieder ein Muskel gerissen, das hat mich zurückgeworfen, und ich habe mir die Frage gestellt, was ich bloß noch machen soll.“ Offensichtlich halfen ihm bei der Beantwortung der Frage sein Glaube, die „Gespräche mit Gott“. Boateng sagt nämlich: „Ich bete regelmäßig und habe mich gerade in dieser schwierigen Zeit an ihn gewendet, zum Beispiel vor dem Schlafengehen. Das hat mir viel Kraft gegeben, genau wie meine Familie mich sehr unterstützt hat. Und auch das Hören meiner Lieblingssongs hat mir geholfen.“

Beim DFB wird man für diese christlichen Vibrations Verständnis haben. Sowohl Manager Oliver Bierhoff, Sportdirektor Hans Flick, aber auch Jogi Löw gelten als religiös nicht unsensibel. Wobei der Katholik Löw, auf den Spuren seines Lieblingsautors Paulo Coelho („Der Alchemist“) wandelnd, Gott als „höhere Weisheit“ deutet, als „eine Form von Liebe und Uneigennützigkeit“ – wogegen die FIFA sicherlich nichts einzuwenden hat.

Deutlich christozentrischer ausgerichtet ist dagegen Fernando Santos, der Coach von Europameister Portugal, der nach einem Bekehrungserlebnis 1994 fest davon überzeugt ist, dass „Jesus Christus lebt“, weshalb Santos keine Sonntagsmesse verpasst und notfalls auch zur Frühmesse um 7 Uhr geht. Das „irdische Leben“, so der 63-Jährige, sei „nur ein Abschnitt“, der „endgültige Tod“ existiere nicht. Eine solche persönliche Beziehung zu Jesus ist unter Trainern nichts Ungewöhnliches. Der frühere Coach der irischen Nationalmannschaft Giovanni Trapattoni (79) macht aus seiner Verehrung für den Gründer des Opus Dei, Josemaria Escriva keinen Hehl. Auch der frühere Schweizer Coach Ottmar Hitzfeld bekennt sich klar zu seinem katholischen Glauben.

Man darf also bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland nicht nur gespannt sein, wer wann wo wie welches Tor für seine Mannschaft schießt und welchen Erfolg feiert. Es geht um mehr. Es gibt bei diesem Turnier einige Teilnehmer, die für evangelistische Überraschungsmomente und Glaubenszeugnisse gut sind. Damit der Glaubensfunke auch auf die Fans überspringt, die noch gefangen sind in der Anbetung ihrer irdischen Sport-Idole. Stars kommen und werden ausgewechselt, Jesus bleibt.

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