„Je suis Vincent Lambert“

45 000 Demonstranten beim 10. Marsch für das Leben in Paris. Von Georg Dietlein

Stark vertreten: Junge Menschen unter 30 Jahre beim Marsch für das Leben in Paris. Foto: IN
Stark vertreten: Junge Menschen unter 30 Jahre beim Marsch für das Leben in Paris. Foto: IN

Wer schon einmal am jährlich stattfindenden Marsch für das Leben in Berlin teilgenommen hat, für den erweist sich Paris als die Superlative. In Berlin waren im vergangenen September etwa 6 000 Menschen für die Würde des menschlichen Lebens auf die Straßen gegangen – in Paris waren es am vergangenen Sonntag mehr als 45 000 Demonstranten. Die europäische Lebensrechtsbewegung befindet sich im Aufwind. Das belegen die Zahlen. 2012 gingen in Berlin immerhin 3 000, in Paris bereits 20 000 Demonstranten auf die Straßen. Zwei Jahre später betrugen die Teilnehmerzahlen bereits jeweils das Doppelte. Wenn nur jeder Zehnte, der zum Marsch für das Leben eingeladen wurde, diese Einladung auch angenommen hat, bekommt man eine Ahnung davon, welche Sprengkraft dieser Marsch bereits in den Köpfen der Menschen entfaltet hat.

Dies unterstrich auch der Primas von Frankreich und Erzbischof von Lyon, Philippe Kardinal Barbarin, der im vergangenen Jahr am „Marche pour la Vie“ teilgenommen hatte: „Diese Demonstration ist von großer symbolischer Bedeutung und wirkt sich mehr aus als man denkt. Sie weist darauf hin, dass die Unterdrückung menschlichen Lebens, das seinen Lauf begonnen hat, tiefes Unrecht darstellt, einen Akt schrecklicher Schwere.“ Zum Marsch für das Leben in Paris hatte neben zahlreichen französischen Bischöfen auch Papst Franziskus aufgerufen. Er ermutigte die Teilnehmer, eine „Zivilisation der Liebe“ und „Kultur des Lebens“ zu erbauen. Als eine junge Dame bei der Kundgebung zu Beginn des diesjährigen Marsches „Vive le Pape“ ins Mikrofon rief, applaudierte die Menge.

In diesem Jahr trugen zahlreiche Banner des Pariser Lebensmarsches die Aufschrift „Je suis Vincent Lambert“ – in Anlehnung an das Schicksal des 38-jährigen Koma-Patienten Vincent Lambert, der zum Symbol der französischen Sterbehilfe-Debatte geworden ist. Lambert war vor einigen Jahren mit dem Motorrad schwer verunglückt und liegt seitdem im Koma. Er bewegt zwar die Augen und ist schmerzempfindlich, aber kommunizieren kann man mit ihm nicht. Im Februar 2014 stellten Ärzte auf Wunsch der Ehefrau die künstliche Ernährung ein. Hiergegen klagten seine Eltern und gewannen in erster Instanz. Doch Vincents Ehefrau und die behandelnden Ärzte gingen in Berufung. Mittlerweile liegt der Fall beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der schon nächste Wochen ein abschließendes Urteil über Vincents Schicksal treffen könnte. Viviane Lambert, Vincents Mutter, ging beim „Marche pour la Vie“ denn auch in der ersten Reihe mit und betonte: „Wir kämpfen für Vincent, aber zugleich für die Gesellschaft. Es geht hier um eine Tür, die geöffnet wird. Heute ist es Vincent. Aber er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte sein.“

So wundert es nicht, dass die Sterbehilfe diesmal ganz im Mittelpunkt des Pariser Marsches für das Leben stand. In diesen Tagen beschäftigt der Fall Vincent Lamberts auch das französische Parlament. Dabei ist das gesetzliche Sterbehilfeverbot in Frankreich sogar strenger geregelt als in Deutschland: In Frankreich sind aktive Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung – auch durch Nicht-Ärzte – stets verboten. Die passive Sterbehilfe, also das „Sterben lassen“ wie im Fall Lambert, wurde 2005 nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt, nämlich dann, wenn eine entsprechende Willensäußerung des Patienten vorliegt. Der Fall Vincent Lamberts zeigt nun aber, wie schwer die Situation sein kann, wenn ein solcher ausdrücklicher Patientenwille nicht vorliegt: Soll dann die Entscheidung über Leben und Tod den nahen Verwandten oder einem Ärzteteam überlassen werden? Droht so nicht gerade die „Aussortierung“ alter, kranker, schwacher und besonders hilfsbedürftiger Menschen – wie Vincent Lambert?

Vergleicht man den Pariser mit dem Berliner Marsch für das Leben, so springt nicht nur die höhere Teilnehmerzahl ins Auge, sondern auch die Zusammensetzung der Demonstranten: katholische Priester und Ordensleute, erkennbar an Soutane und Ordenshabit, zahlreiche katholische Jugendliche mit entsprechenden Symbolen und Fahnen, eine eigene Gebetsgruppe mit rund 1 000 Teilnehmern am Ende des Marsches. Etwa zwei Drittel der Demonstranten seien praktizierende Katholiken und kämen aus religiösen Gründen nach Paris, erzählen Teilnehmer. Besonders auffällig ist der hohe Anteil Jugendlicher. Etwa jeder zweite Teilnehmer zählte zur Altersklasse „U 30“. Entsprechend jugendgerecht war der Marsch gestaltet worden. Die kilometerlange Menschenversammlung wurde aufgelockert durch tönende Mobile, auf denen junge Menschen Zeugnis für den Wert des menschlichen Lebens abgaben und die Demonstranten anschließend durch moderne Musik in Stimmung brachten. Die Themen des Pariser Marsches unterschieden sich nicht wesentlich von denen, die auch in Berlin eine Rolle spielen: Abtreibung, vorgeburtliche Selektion, aktive und passive Sterbehilfe, Euthanasie. Vermutlich war nicht nur die hohe Teilnehmerzahl in Paris dafür verantwortlich, dass – im Gegensatz zu Berlin – keine Gegendemonstrationen zu vermelden waren. Die „Manifestation“ verlief gänzlich ohne gewaltsame Vorkommnisse. Offensichtlich ist das Verständnis für die unantastbare Würde und den Wert jedes einzelnen Menschen bei den Franzosen noch tiefer verwurzelt als bei uns Deutschen. Dafür spricht auch die unterschiedliche Zahl der lebend geborenen Kinder: Während in Deutschland pro 1 000 Einwohner im Jahr etwa acht Kinder geboren werden, ist die Geburtenziffer in Frankreich 50 Prozent höher.