Italiens Ex-Faschisten brechen Tabu

Versuch einer Ehrenrettung Mussolinis und seiner Soldaten

Ein römischer Bürgermeister, der ausgerechnet bei einem Jerusalem-Besuch italienischer Politiker die Rassengesetze Benito Mussolinis vom eigentlichen Geist der faschistischen Bewegung der Schwarzhemden unterscheidet und letzterem auch positive Aspekte bescheinigt. Ein Verteidigungsminister, der bei der Feier des 65. Jahrestags der Verteidigung Roms gegen die deutschen Besatzungstruppen auch der Soldaten der anderen Seite, der von Hitler-Deutschland kontrollierten Republik von Salo, gedenkt. Auch diese hätten gegen die Amerikaner und Alliierten in dem Glauben gekämpft, ihr Vaterland zu verteidigen.

In wenigen Tagen hat Italien eine Lektion erhalten, wie es die ehemaligen Faschisten des Landes, die seit Mai dieses Jahres in der Regierung Silvio Berlusconis sitzen, mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit halten. Beobachter fragen sich, welcher Tabubruch schlimmer war: Es ist zwar richtig, wie der römische Bürgermeister Gianni Alemanno am Wochenende in Israel sagte, dass der italienische Faschismus nicht nur durch Judenverfolgung und Rassengesetze zu definieren sei. Aber was mag den Politiker, der mit der Tochter des Faschisten-Führers Pino Rauti verheiratet ist, dazu getrieben haben, dies vor laufender Kamera in unmittelbarer Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu tun? Auch Verteidigungsminister Ignazio La Russa, der mit dem Wechsel von Gianfranco Fini an die Spitze des italienischen Senats dessen Amt als Vorsitzender der „Alleanza Nazionale“ übernommen hat, tat am Montag etwas Unerhörtes: Er sprach von der Republik von Salo, die unter der Ägide der Nazis von September 1943 bis April 1945 ein eher kümmerliches Dasein in dem von den Deutschen besetzten Norden des Landes fristete. Und das tut man in Italien nicht.

Jenes dunkle Kapitel der Geschichte Italiens ist noch weitgehend unverdaut. Es waren die Monate, in denen das Land zwischen den Krieg führenden Parteien in zwei Lager zerrissen war. Italiener schossen auf Italiener, wobei heute nur die eine Seite, die Partisanen und Mitglieder der „resistenza“, des Widerstands, sich im Goldglanz der Geschichte sonnen dürfen. Doch nun gehören die ehemaligen Faschisten zur Regierungskoalition. Was sie, wie jetzt Alemanno und La Russa, dazu nutzen, in aller Öffentlichkeit zu erklären, was bisher nur auf parteiinternen Veranstaltungen der „Alleanza Nazionale“ gesagt wurde. Berlusconi schweigt, und auch sonst hat Italien andere Themen, über die man in den Bars diskutiert: Ob der neue Nationaltrainer Marcello Lippi mit seinen „Azzurri“ die Schmach bei der Europameisterschaft tilgen kann, wie die Fluggesellschaft Alitalia zu retten ist, ob Italien ein föderalistisches Steuersystem erhält – eine Forderung und einziges Regierungsziel der Los-von-Rom-Bewegung „Lega Nord“ – und ob die Reform der Justiz mehr Berlusconi nutzt oder dem ganzen Land.

Bei der Feier in Erinnerung an die „Schlacht um Rom“ setzte Staatspräsident Giorgio Napolitano einen anderen Akzent als Minister La Russa und erinnerte ausschließlich an den Kampf des anti-deutschen Widerstands. Oppositionsführer Walter Veltroni trat aus Protest gegen die Äußerungen Alemannos von seinem Posten an der Spitze des Verwaltungsrats eines geplanten römischen Shoah-Museums zurück. Ansonsten hat man in Italien die Äußerungen der beiden Ex-Faschisten hingenommen. Die „Alleanza Nazionale“, in der die faschistische Bewegung aufgegangen ist, rüstet sich, als große Rechtspartei des Landes auf Dauer Regierungsverantwortung zu tragen. Auch bei der Aufarbeitung der Vergangenheit mischt sie sich jetzt stärker ein.