Israels bester Freund

Bei Veranstaltungen von Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro werden israelische Flaggen geschwungen. Was steckt dahinter?

Präsident von Brasilien besucht Israel
Zwei, die sich verstehen: Netanjahu und Bolsonaro an der Klagemauer. Foto: dpa

Die israelische Flagge ist in Brasilien bei Auftritten mit Präsident Jair Bolsonaro zu einem festen Bestandteil geworden. Nach dessen Amtseinführung wurde Israel zu einem vorrangigen Verbündeten Brasiliens und die Verlegung der brasilianischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem rückte in den Mittelpunkt der politischen Debatte. Teile der jüdischen Gemeinde jedoch äußern Unbehagen angesichts dieser Vereinnahmung. „Bolsonaros ,pro-israelische‘ Haltung war von grundlegender Bedeutung, um seine Kandidatur zu festigen. Symbolisch stimmten die Bilder von Israel mit den Ideen der neuen konservativen Welle in Brasilien überein“, sagt Rafael Kruchin, Leitender Koordinator des Instituto Brasil-Israel (IBI) mit Sitz in Sao Paulo im Gespräch mit der „Tagespost“.

Diese Strategie hat eine religiöse und einen politische Dimension und verbindet beide Ebenen miteinander: Im religiösen Kontext gehe es vor allem darum evangelische Gemeinden anzusprechen, die schon seit einigen Jahrzehnten die Nähe zu Israel pflegten und sogar in ihrer Liturgie die Verbindung zum Judentum unterstreichen würden, so Kruchin. Ein deutliches Beispiel dafür: Der 2014 eingeweihte Salomo-Tempel in Sao Paulo, ein Nachbau des Jerusalemer Tempels und Weltsitz der Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Reiches Gottes). Vor dem Tempel weht die israelische Flagge.

Die Verwendung jüdischer Symbole durch Evangelikale wurzelt in der Vorstellung einer jüdisch-christlichen Tradition. Diese evangelikalen Christen waren wiederum zusammen mit konservativen Katholiken entscheidend für Bolsonaros Wahlsieg. Sie machen sich auch für Botschaftsumzug nach Jerusalem stark. Der wird zwar auch von Teilen der jüdischen Gemeinde unterstützt, er ist aber vor allem ein Anliegen der Evangelikalen. Vor allem Anhänger der Pfingstbewegung, glauben, dass die Rückkehr Jesu von der Erfüllung biblischer Prophezeiungen abhänge, wie etwa der Wiedereroberung Israels durch das „auserwählte Volk“ und der Vertreibung der „Heiden“ aus Jerusalem. Dieses theologische Konzept wird als Dispensationalismus bezeichnet. „Religiöse Führer, die zur evangelikalen Fraktion im brasilianischen Kongress gehören, befürworten die jüdische Verwaltung des historischen Palästinas, weil sie glauben, dass eine solche Kontrolle die Erfüllung der Prophezeiung der Wiederkunft Christi garantieren würde“, so Kruchin.

„Die Rückkehr Jesu ist das größte Ereignis im Leben eines Christen, weil es seine Erlösung bedeutet“, sagt der Pastor der mit 23 Millionen Gläubigen größten Pfingstkirche Brasiliens, der Assembleia de Deus, Marco Feliciano. Er ist auch Kongressabgeordneter für die Sozial-Christliche Partei (PSC). „Evangelikale waren jedoch bis vor kurzem von der Gesellschaft getrennt. Unser Denken war außerhalb unserer sozialen Grenzen nicht verbreitet.“ Feliciano erinnert daran, dass das Versprechen einer Botschaftsverlegung Bolsonaro Millionen Stimmen Evangelikaler eingebracht habe. Sie erwarteten daher nun zurecht von ihm, dass er nach seinem Sieg Wort hält.

Brasilien galt einst als „das größte katholische Land der Welt“. Doch während die katholische Kirche seit den siebziger Jahren in Brasilien an Einfluss verliert, erfahren die evangelikalen Kirchen im Land regen Zulauf. Rund ein Drittel der Brasilianer ist heute evangelischen Glaubens, schätzen Experten. Mit Jair Messias Bolsonaro, der streng katholisch erzogen wurde, sich aber 2016 von einem evangelikalen Pastor im Jordan taufen ließ, hat das Land derzeit zum zweiten Mal in seiner Geschichte ein evangelisches Staatsoberhaupt.

Das evangelikale Lager hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Einfluss und Macht ausbauen können. Ein bedeutender Anteil der Abgeordneten des brasilianischen Parlaments gehört zu der im Jahr 2003 gegründeten evangelischen Fraktion, einem parteiübergreifenden Zusammenschluss evangelikaler Politiker.

Der Machtzuwachs der Freikirchen wurde deutlich, als 2016 mit Marcelo Crivella ein Bischof der Universalkirche des Reiches Gottes zum Bürgermeister von Rio de Janeiro gewählt worden ist. Crivella konnte dabei auf die Unterstützung der von seinem Onkel Edir Macedo gegründeten Pfingstkirche zählen, der sogar ein TV-Sender gehört.

Der bedeutendste Teil der Evangelikalen sehe Israel aus einer imaginären Perspektive und verwandele dabei die israelische Gesellschaft und Juden allgemein in eine monolithische, konservative und heilige Gruppe ohne wirkliche Komplexität und Pluralität, meint Rafael Kruchin. „Und so schufen sie ein Israel, das diese christlichen Werte unterstützen konnte.“

Ein unrealistisches Israel-Bild

Die israelische Gesellschaft sei jedoch keineswegs ein Konsensraum, sondern umfasse heterogene Gruppen mit unterschiedlichsten Ansichten. „Es ist ein Reduktionismus, den Staat Israel mit rechtsextremen Bannern zu identifizieren. Der Präsident [Bolsonaro, Anm. d.Red.] bewundert aufrichtig, was Israel in diesen Jahrzehnten getan hat. Er tut dies ständig, aber das ergibt deshalb nicht notwendigerweise eine Deckungsgleichheit zwischen Gemeinde und Regierung“, sagt Fernando Lottenberg, Präsident der Israelitischen Konföderation Brasiliens (CONIB).

Auch Israel-ExperteRafael Kruchin mahnt zur Skepsis gegenüber Bolsonaro:. „Man sollte vorsichtig sein mit der Behauptung, dass Bolsonaro Israel verteidige. Tatsächlich instrumentalisiere der Präsident das Land im Sinne seiner Politik. Er zeichne ein Bild von Israel und den Juden, das nicht der Realität entspreche.