„Israels Politik in Gaza ist ein Fehler“

Fuad Twal, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, hofft, dass die Parlamentswahlen in Israel eine Wende zum Frieden mit den Palästinensern bringen. Von Oliver Maksan

Der lateinische Patriarch von Jerusalem Fuad Twal. Foto: dpa
Der lateinische Patriarch von Jerusalem Fuad Twal. Foto: dpa
Seligkeit, heute wählt Israel ein neues Parlament. Verbinden Sie mit den Wahlen irgendeine Hoffnung für den Friedensprozess mit den Palästinensern?

Wir haben wirklich den Eindruck, dass beide Seiten, Israelis und Palästinenser, des Konflikts müde sind. Ich hoffe, dass eine Bewegung innerhalb der israelischen Bevölkerung einen guten Einfluss auf den Friedensprozess haben könnte. Das muss von innen kommen, nicht von außen. Erstmals in der Geschichte haben wir in Israel jetzt einen Zusammenschluss aller arabischen Parteien. Sie könnten mit liberalen Parteien wie zum Beispiel der von Netanjahus Herausforderer Herzog zusammenarbeiten. Warum sind israelische Kinder dazu verurteilt, dazu geboren zu werden und ihr Leben damit zu verbringen, zu kämpfen? Warum können wir keine Wege finden, in Frieden miteinander zu leben? Warum können wir keine guten Nachbarn sein? Das ist doch besser, als ewig Feinde zu sein. Momentan gibt es kein Vertrauen zwischen den beiden Völkern. Aber die bisherige Politik Israels half auch nicht, Vertrauen zu schaffen. Ich hoffe aber wirklich, dass wir aus Israel Stimmen hören werden, die sich für mehr Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Bislang wird der Konflikt nur gemanagt, nicht gelöst.

Sie glauben nicht, dass eine Lösung mit Premierminister Netanjahu möglich wäre?

Wir stimmen wirklich nicht mit ihm überein. Netanjahu ist arrogant. Er denkt nur in Kategorien von Macht und Gewalt. Denken Sie an Gaza. Während des letzten Krieges im Sommer 2014 wurden 67 Israelis getötet, die meisten von ihnen Soldaten, aber viel mehr Palästinenser. Über 2 000. Viele unschuldige Menschen, auch Kinder. Aber wir sind wieder da, wo wir davor waren. Wir bewegen uns im Kreis. Die Israelis haben zwar den Krieg gewonnen, aber immer noch keine Sicherheit. Die Palästinenser haben immer noch nicht ihren Staat und ihre Unabhängigkeit. Wir hatten in sechs Jahren drei Kriege: 2008, 2012, 2014. Es ist genug. Wir hoffen also wirklich, dass Israel nach den Wahlen eine andere Politik haben wird, die die internationalen Resolutionen und Lösungen für den Konflikt respektieren wird. Israel hat das Recht, in Sicherheit zu leben wie jedes andere Volk auch. Aber auch die Palästinenser haben das Recht, in eigenem Staat zu leben.

Die Israelis sagen, sie hätten Gebiete wie Gaza geräumt und den Palästinensern die Selbstverwaltung gewährt. Dafür hätte die Hamas übernommen und sie hätten Raketen aus Gaza erhalten. Die Palästinenser wollten letztlich keinen Frieden. Kann man ihre Skepsis nicht verstehen?

Nein, das stimmt nicht. Die Palästinenser wollen Frieden, die Israelis wollen Frieden. Aber man muss auch sehen, dass Israel zum Beispiel den Gazastreifen nie richtig geräumt hat. Sie haben eine Mauer darum herum gebaut und kontrollieren das ganze Gebiet. Niemand kann das Gebiet verlassen ohne ihre Zustimmung. Die Menschen sind nicht frei, sich zu bewegen, zu arbeiten, zu leben. Sie können aus einem so großen Gefängnis unter freiem Himmel keine Rosen erwarten.

Aber Raketen?

Die Raketen, die aus Gaza Richtung Israel fliegen, machen viel Lärm, sie verbreiten Furcht und schaden der Wirtschaft. Aber sie töten niemanden. Das sind dumme Raketen, wenn Sie so wollen. Sie sind ein Vorwand für Israel, zurückzukommen und das Gebiet zu bombardieren. Man kann das nicht vergleichen. Gaza ist also noch immer besetzt und unter israelischer Kontrolle. So schafft man aber mehr Hass. In einer solchen Situation kann man von den Menschen nicht verlangen, sich still zu verhalten. Die israelische Politik in Gaza ist ein großer Fehler. Sie ist dumm. Man treibt die Menschen in den Extremismus. Man muss die Politik ändern, um die Menschen zu ändern.

Seit Oslo sind jetzt über zwanzig Jahre vergangen. Viele Palästinenser haben den Glauben in direkte Friedensverhandlungen mit Israel verloren, die damals begonnen wurden. Sie glauben, einseitige Maßnahmen bei der UN oder gar Gewalt seien der bessere Weg. Sie sagen, die Jahre seither hätten nur mehr Siedlungen gebracht. Sehen Sie das auch so?

Ich kann die Menschen verstehen. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einer katholischen Familie aus Bethlehem gesprochen habe. Bei palästinensischen Wahlen haben sie für die Hamas gestimmt. Ich habe sie dann gefragt, wie sie das als Katholiken machen könnten, für eine islamische Partei zu stimmen. Sie haben mir dann geantwortet, dass die moderaten Parteien und Personen wie Präsident Mahmud Abbas nichts für die palästinensische Unabhängigkeit erreicht hätten. Deshalb wollten sie es jetzt mit einer Unterstützung der extremen Kräfte versuchen. Vielleicht könnten die etwas erreichen. Man sieht, der Stillstand, das Ausbleiben einer Lösung des Konflikts treibt die Menschen in die Arme der Extremisten.

Die Amerikaner haben immer wieder in Friedensgesprächen vermittelt. Zuletzt im vergangenen Frühjahr. Sie haben zu nichts geführt. Warum ist das so?

Die palästinensische Frage, die Besatzung, ist keine Priorität der amerikanischen Politik. Auch Präsident Obama hat sich zu Beginn vor allem um die amerikanische Wirtschaft gekümmert. Außerdem ist selbst Amerika in diesen Fragen nicht frei. Da ist Israel, das Druck ausübt.

Aber was muss dann geschehen, dass die Seiten zueinanderkommen? Mehr internationaler Druck, vielleicht auch aus Europa?

Nein, die aktuelle Netanjahu-Regierung ist so arrogant, sie wird sich von nichts beeindrucken lassen. Ich hoffe wirklich auf die israelische Gesellschaft. Es gibt da gute Leute und guten Willen. Ich lese in der israelischen Zeitung Haaretz immer wieder hervorragende Artikel, die das sagen, was gesagt werden muss und zu Gerechtigkeit und Zusammenarbeit aufrufen.

Aber glauben Sie nicht, dass das israelische Friedenslager zu schwach ist? Seit der zweiten Intifada nach 2000 stehen sie politisch mächtig unter Druck. Die israelische Gesellschaft ist nach rechts gerückt. Was macht Sie da so optimistisch?

Also Sie haben recht, von der Netanjahu-Regierung brauchen wir nichts erwarten. Das war ein Zusammenschluss extremer Parteien. Aber in der jüdischen Gesellschaft nehme ich doch Stimmen des Friedens und der Vernunft wahr. Ich glaube nicht, dass sie den Radikalismus teilen.

In Israel leben etwa 130 000 arabische Christen. Welche Rolle können sie im Friedensprozess spielen?

Nun, angesichts unserer geringen Zahl können wir nicht so tun, als ob wir eine echte Brücke sein könnten. Aber unsere Institutionen sind doch hilfreich. Ich glaube an Erziehung. Wir müssen eine neue Generation für eine neue Gesellschaft vorbereiten. Unsere kirchlichen Schulen und Universitäten werden von 75 000 Christen, Muslimen und auch einigen, wenn auch wenigen Juden besucht. Das führt zusammen, besonders in Jaffa und Galiläa. Ich halte diesen Dialog des Lebens für wichtig.

Sie sagen, die christliche Herde im Heiligen Land ist klein. Führt der Mangel an Friedensperspektiven dazu, dass mehr Christen das Land verlassen?

Ich glaube, aufgrund der aktuellen Situation halten sich die Christen mehr an die Kirchen. Sie glauben, dass sie von der Kirche Schutz und Unterstützung erhalten. Es gibt natürlich Auswanderung von einheimischen Christen. Aber es gibt auch einen gegenteiligen Trend. Wir haben in Israel allein 40 000 katholische Gastarbeiter von den Philippinen. Aber insgesamt ist die Situation nicht normal. Die Christen können aufgrund der Lage kein normales Leben führen. Denken Sie nur an die Mauer, die Israel zwischen Israel und Palästina errichtet hat. Sie trennt Familien. Teilweise können meine Priester nicht nach Jerusalem kommen. Angeblich soll die Mauer Terroristen abhalten. Aber das glaubt niemand. Es geht darum, den Palästinensern Land wegzunehmen. Die Mauer ist schließlich überwiegend auf ihrem Grund erbaut. Das betrifft übrigens auch Christen. Denken Sie an Cremisan, wo über fünfzig christliche Familien um ihr Land für den Mauerbau fürchten müssen.

Die Auswirkungen der israelischen Besatzung auf Palästinas Christen sind deutlich. Aber leiden sie – etwa in Gaza – nicht auch unter dem radikalen Islam?

Ja, das stimmt. Wir leiden unter beidem. Hinzu kommt, dass in Palästina der politische Einfluss der Christen nachlässt. Wir haben einfach immer weniger entsprechend ausgebildete Leute. Die besten Leute sind schon gegangen. Es gibt noch einige wenige. Es gibt eigentlich keinen Einfluss mehr von Christen auf die palästinensische Politik. Wir werden schwächer und schwächer dort. Wir haben aber sehr gute Beziehungen zu Präsident Mahmud Abbas. Und derzeit wird auch ein Vertrag über die Stellung der Kirche in Palästina zwischen dem Vatikan und der palästinensischen Regierung ausgehandelt.

Der Besuch von Papst Franziskus in Israel und Palästina ist nun bald ein Jahr her. Gibt es irgendwelche messbaren Effekte?

Ich glaube, der einzige Effekt ist, dass der Papst die Situation im Heiligen Land besser verstanden hat. Das ist aber auch das Einzige. Es wurde nach seinem Besuch eher noch schlimmer, denken Sie an den Gazakrieg. Auch das Friedenstreffen des Papstes mit Abbas und Peres im Vatikan hat nichts gebracht. Danach hat Netanjahu den Bau tausender neuer Häuser in den Siedlungen angekündigt. Es gibt keinen guten Willen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt gilt ja als der Wurzel-Konflikt im modernen Nahen Osten. Oft ist auch behauptet worden, seine Lösung würde die Region befrieden. Aber stimmt das angesichts des sunnitisch-schiitischen Gegensatzes überhaupt noch? Das Chaos in Nahost würde doch weitergehen, würden sich Israelis und Palästinenser auch einigen.

Also es stimmt, dass die Aufmerksamkeit der Welt nicht mehr auf dem Heiligen Land ist. Man blickt nach Syrien und dem Irak. Dort gibt es Krieg und Verfolgung. Das stimmt leider. Man darf darüber aber das Heilige Land nicht vergessen. Jerusalem hat eine globale Dimension. Das hat mit der religiösen Bedeutung der Stadt zu tun. Der Friede in Jerusalem hätte positive Auswirkungen auf den Frieden in der ganzen Region. Aber es gilt auch das Umgekehrte: Die Abwesenheit von Frieden in Jerusalem hat negative Auswirkungen auf den ganzen Nahen Osten. Einem Krieg in Jerusalem würde ein Krieg im ganzen Nahen Osten folgen. Ich bin überzeugt, dass der israelisch-palästinensische Konflikt am Anfang aller Konflikte im Nahen Osten stand. Würde es mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Heiligen Stadt geben, hätte dies positive Auswirkungen auf die ganze Region.